Dass Sachsen historisch nicht zum antiken Kulturraum gehörte, bedarf keiner besonderen Begründung. Bemerkenswert ist deshalb ein Befund, der sich bei der Durchsicht sächsischer Schulgeschichtsbücher wiederholt einstellt: Die Antike wird dort nicht als bloß fernes, kulturell distanziertes Phänomen behandelt, sondern in nicht unerheblichem Maße mit sächsischen Städten, Orten und Traditionslinien verknüpft. Diesem Befund – der Konstruktion einer spezifisch „sächsischen Antike“ – widmet sich mein Promotionsvorhaben, das ich an der TU Chemnitz unter Betreuung von Prof. Dr. Marian Nebelin bearbeite.
Theoretischer Ausgangspunkt: Schulbücher als Medien kultureller Sinnstiftung
Schulbücher sind in der bildungshistorischen Forschung längst als mehr denn als reine Wissensvermittler anerkannt. In Anschluss an die kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorie – maßgeblich geprägt durch Jan Assmanns Konzept des kulturellen Gedächtnisses sowie Aleida Assmanns Arbeiten zu Erinnerungsräumen – lassen sich Schulbücher als Speicher- und Zirkulationsmedien fassen, in denen sich gesellschaftlich relevante Deutungsmuster von Vergangenheit verdichten und reproduzieren. Sie sind damit zugleich Medien politischer Legitimation: Sie stellen historische Narrative bereit, die bestehende gesellschaftliche Ordnungen plausibilisieren.
Ergänzt wird diese gedächtnistheoretische Perspektive um die Zeitsemantik Reinhart Kosellecks. Vergangenheit ist in dieser Lesart keine objektiv gegebene Größe, sondern ein semantisch strukturierter Erfahrungsraum, der in einem dynamischen Wechselverhältnis zu den jeweiligen gegenwärtigen Erwartungshorizonten steht. Schulbücher partizipieren an dieser Verschränkung, indem sie Vergangenheit selektiv ordnen, narrativ verdichten und funktional auf gegenwärtige Sinnbedürfnisse ausrichten. Die Antike ist dabei eine besonders anschlussfähige Referenzfolie: Kaum eine andere Epoche wurde in der europäischen Geistesgeschichte so beständig als normativer Ursprungsraum politischer, kultureller und ästhetischer Ordnung in Anspruch genommen.
Von der Rezeption zur Transformation: Ein zentraler theoretischer Perspektivwechsel
Für die Analyse dieser Inanspruchnahme greift das Projekt bewusst nicht allein auf klassische Rezeptionsforschung zurück, sondern rückt die Transformationstheorie der Antike ins Zentrum. Der Unterschied ist mehr als terminologisch: Ein Rezeptionsbegriff suggeriert tendenziell ein Modell, in dem ein weitgehend feststehender antiker „Ursprungstext“ oder -bestand in unterschiedlichen historischen Kontexten mehr oder weniger passiv aufgenommen wird. Transformationstheoretische Ansätze demgegenüber davon aus, dass die Bedeutung antiker Inhalte nicht vor, sondern erst in ihrer jeweiligen Aneignung entsteht. Antike Inhalte werden dabei nicht lediglich übernommen, sondern aktiv umgedeutet und in neue, historisch spezifische Bedeutungszusammenhänge überführt – ein Prozess, der die Antike selbst immer wieder neu konstituiert, statt sie bloß fortzuschreiben.
Transformationstheorie der Antike – Anwendung auf Schulbücher
Die Transformationstheorie ersetzt das klassische Rezeptionsmodell durch ein konstruktivistisches Verständnis von Antike. Während die Rezeptionsgeschichte von einer linearen Übernahme eines festen historischen Bestandes ausgeht, versteht die Transformationstheorie die Antike als Ergebnis fortlaufender Aneignungsprozesse. „Antike“ existiert demnach nicht unabhängig, sondern nur in ihren jeweiligen historischen Deutungen.
Zentral ist der Begriff der Transformation: Antike Inhalte werden selektiv übernommen, verändert, neu kombiniert oder ausgeblendet. Diese Prozesse sind produktiv, nicht reproduktiv. Mit dem Konzept der Allelopoiesis wird zudem betont, dass Antike und Gegenwart sich wechselseitig hervorbringen: Die Gegenwart formt ihr Bild der Antike – und nutzt dieses zugleich zur eigenen Selbstdeutung.
Für die Analyse sächsischer Schulgeschichtsbücher bedeutet dies: Schulbücher sind keine neutralen Vermittlungsmedien, sondern Transformationsinstanzen. In ihnen wird eine spezifische „Antike“ erzeugt, die durch Lehrpläne, staatliche Vorgaben und didaktische Ziele geprägt ist.
Analytisch lassen sich vier zentrale Operationen unterscheiden:
- Selektion (was wird gezeigt?),
- Modifikation (wie wird es gedeutet?),
- Rekombination (womit wird es verknüpft?),
- Exklusion (was fehlt?).
Für den Untersuchungsgegenstand hat dieser Perspektivwechsel weitreichende Konsequenzen: Eine „sächsische Antike“ ist demnach das Ergebnis eines eigenständigen Transformationsprozesses, in dem antikes Material spezifisch für sächsische Sinnbedürfnisse – regionale Identitätsstiftung, bildungspolitische Legitimation, ästhetische Normierung – umgeformt wird. Die sogenannte „sächsische Antike“ ist somit kein historischer Bestand, sondern das Ergebnis dieser Prozesse. Ihre Analyse erlaubt Rückschlüsse auf staatliche Bildungsziele, gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen und Formen historischer Sinnbildung in Sachsen.
Die leitende Forschungsfrage lautet entsprechend: Wie wird in sächsischen Schulgeschichtsbüchern eine „sächsische Antike“ konstruiert, und welche Funktionen erfüllt diese Konstruktion im Kontext kultureller Sinnstiftung und politischer Legitimation?
Methodische Anlage: Diskursanalyse, Transformationsperspektive und Spatial History
Methodisch verbindet die Untersuchung historische Diskursanalyse mit etablierten Verfahren der Schulbuchforschung. Schulbücher werden dabei als diskursive Formationen verstanden, in denen sich hegemoniale Deutungsmuster materialisieren; die transformationstheoretische Perspektive dient als analytisches Instrument, um die konkreten Prozesse der Aneignung und Umdeutung antiker Inhalte im Einzelnen nachzuzeichnen.
Hinzu tritt eine raumtheoretische Komponente: In Anlehnung an Ansätze der Spatial History – etwa im Sinne Karl Schlögels – wird untersucht, wie konkrete Orte, Städte und Regionen semantisch aufgeladen und in übergeordnete historische Narrative integriert werden. Auf diese Weise lässt sich rekonstruieren, wie regionale Identität im Spannungsfeld zwischen lokalen Erfahrungsräumen und übergreifenden kulturellen Deutungsmustern konstituiert wird.
Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom 19. bis ins 21. Jahrhundert und wird in diachrone Teilphasen gegliedert, die eine Analyse von Kontinuitäten und Brüchen in der Antikerezeption über anderthalb Jahrhunderte hinweg ermöglichen.
Institutioneller Rahmen: Eine Professur mit ausgewiesener Expertise
Angesiedelt ist das Vorhaben an der Professur für Geschichte der Antike und der Antikerezeption in der Moderne der TU Chemnitz, deren Inhaber, Prof. Dr. Marian Nebelin, zu den ausgewiesenen Spezialisten für die Antikerezeption in Sachsen zählt. An der Professur wurden in den vergangenen Jahren bereits mehrere ESF-geförderte Promotionsprojekte erfolgreich abgeschlossen – mit unterschiedlichen, jeweils eigenständigen Gegenstandsbereichen, etwa zu Historikerbiographien oder zur Antikerezeption in sächsischen Museen. Das vorliegende Projekt kann damit auf einen etablierten institutionellen Rahmen und methodische Erfahrung mit vergleichbaren Qualifikationsvorhaben zurückgreifen, betritt inhaltlich mit dem spezifischen Fokus auf Antikerezeption in sächsischen Schulbüchern jedoch wissenschaftliches Neuland: Dieses Forschungsfeld ist – trotz einer florierenden historischen Schulbuchforschung im Allgemeinen – bislang unbearbeitet geblieben.
Praxisbezug: Wissenschaftskommunikation als integraler Bestandteil
Begleitet wird das Forschungsvorhaben von einem wissenschaftlichen Blog, in dem Zwischenergebnisse und Nebenerträge der Untersuchung fortlaufend dokumentiert werden. Der Blog erfüllt dabei nicht nur wissenschaftskommunikative Funktion, sondern dient zugleich der Erprobung von Storytelling-Formaten, die sich – im Sinne einer kulturtouristischen Thematisierungsstrategie – auch für die Vermittlung kulturellen Erbes jenseits des akademischen Diskurses nutzbar machen lassen.
Ausblick
Das Projekt versteht sich als Beitrag sowohl zur historischen Schulbuchforschung als auch zur Antikerezeptionsforschung, indem es beide Forschungstraditionen erstmals systematisch auf den sächsischen Raum bezieht. Über die kommenden Jahre werde ich die Entwicklung dieses Vorhabens – Zwischenbefunde, methodische Reflexionen und Einblicke in das Quellenkorpus – an dieser Stelle dokumentieren.
Das Promotionsprojekt wird im Rahmen eines ESF Plus-Landesinnovationspromotionsstipendiums gefördert und an der Professur für Geschichte der Antike und der Antikerezeption in der Moderne der TU Chemnitz betreut.