Ist der Mensch berechenbar? – Mathe im Psychologiestudium

My Snapshot_22Warum brauchen Psychologen Mathematik?

Ganz einfach, die Mathematik und die wissenschaftlichen Arbeitsmethoden sind das, was einen Psychologen von all den anderen Menschen abgrenzen, die auf gewisse Art auch Psychologen sind. Jeder macht sich Gedanken über menschliches Verhalten, beispielsweise warum Christine seit gestern sauer auf John ist oder warum man schon wieder das neue Produkt aus der Werbung gekauft hat, obwohl man es eigentlich gar nicht braucht. Dabei entwickeln wir auch recht schnell Theorien, so zum Beispiel, dass Christine sauer ist, weil John ihren Geburtstag vergessen hat.

Mit einer solchen Antwort würde sich die wissenschaftliche Psychologie nicht so schnell zufrieden geben, denn alles muss überprüft werden. Viel zu leicht können bei einem Urteil Fehler passieren. Was ist, wenn Christine nicht wegen des Geburtstags sauer ist, sondern aus einem ganz anderen Grund? Gut, in diesem Beispiel hätte das keine gravierenden Auswirkungen, aber anders sähe es schon aus, wenn es darum geht, zum Beispiel eine neue Behandlungsform für eine psychische Krankheit einzuführen. In so einem Fall kann man sich nicht auf ein Bauchgefühl verlassen, sondern muss die Wirksamkeit überprüfen. Genau deshalb bedient sich die Psychologie der Mathematik als Werkzeug. Man würde ein Experiment machen, Daten erheben und schließlich berechnen, ob die Daten dafür sprechen, dass die Psychotherapie eine positive Wirkung hat oder ob es den Patienten vielleicht nur zufällig besser oder schlechter geht.

 

Wie mathelastig ist das Studium eigentlich?

An der TU Chemnitz gibt es zwei mathehaltige Module, nämlich Methodenlehre und Statistik sowie Computergestützte Datenverarbeitung. In Methodenlehre und Statistik lernen wir im Rahmen der Vorlesung, wie ein psychologisches Experiment durchgeführt wird, welche Methoden der Datenerhebung es gibt IMG_20150604_181741und welche Fehler dabei passieren können. Die eigentliche Mathematik oder Statistik kommt dann zum Beispiel bei Signifikanztests und Konfidenzintervallen ins Spiel, die normalerweise schon aus der Schule bekannt sind, aber noch vertiefter und in vielen verschiedenen Varianten behandelt werden. Dazu kommen natürlich auch noch weitere statistische Verfahren. Zur Vorlesung gibt es eine Übung, wo das Gelernte noch einmal wiederholt und angewendet wird. Vor Methodenlehre und Statistik muss niemand Angst haben, da man an unserer Uni sehr gut auf die Klausur vorbereitet wird. Taschenrechner und eine Formelsammlung dürfen benutzt werden, sodass es auch nicht an einer nicht auswendig gelernten Formel oder am Kopfrechnen scheitern kann. Wer sich als angehender Psychologiestudent schon einmal ein Bild von dem machen möchte, was auf ihn zukommt, dem empfehle ich die Bücher Statistik I und II von Thomas Schäfer, zwei kleine Büchlein, die die Statistik bestens erklären.

Im Modul Computergestützte Datenverarbeitung lernen wir den Umgang mit den zwei Statistikprogrammen SPSS und R. SPSS (kann man sich ähnlich wie Excel vorstellen, eine Art Tabellenkalkulation, daher ist es auch recht leicht zu bedienen). Man kann Daten eingeben und auswerten, Tabellen und Diagramme erstellen und natürlich die in Methodenlehre und Statistik gelernten Signifikanztests durchführen, was eine Menge Rechnerei erspart. R ist eigentlich eine Programmiersprache und daher nicht ganz so intuitiv in der Verwendung wie SPSS. Was man in SPSS einfach anklicken kann, muss man bei R als Code ins Eingabefeld schreiben. Das klingt vielleicht kompliziert, ist aber halb so schlimm und letzten Endes ist es sogar manchmal praktischer, gleich einen Befehl eintippen zu können anstatt ihn im SPSS-Menü zu suchen. Die Programme werden in Computerübungen im 1. und 2. Semester gelernt. In den Übungen gibt es Hausaufgaben, die einen Teil der Modulnote ausmachen. Die Hausaufgaben sind zwar oft aufwendig, aber im Prinzip eine gute Gelegenheit, den Umgang mit den Programmen zu üben, da man schließlich gezwungen ist, sie zu benutzen. Den anderen Teil der Note bilden die beiden Klausuren, die nicht am Computer stattfinden, sondern mit Papier und Stift, sodass nicht die Anwendung, sondern theoretische Hintergründe abgefragt werden.

 

Psychologie studieren trotz Matheschwäche?

Schwierig. Ein gewisses mathematisches Grundverständnis sollte auf jeden Fall vorhanden sein. Trotzdem muss Statistik kein Grund sein, sich abschrecken zu lassen. Es ist schließlich alles erlernbar und kann dann, wenn es funktioniert, sogar Spaß machen. Außerdem geben sich die Dozenten viel Mühe, dass auch jeder den Stoff versteht und anwenden kann.

 

Und als Matheliebhaber?

Als sehr mathematisch denkender Mensch hat man im Psychologiestudium sicher einen gewissen Vorteil und Spaß an der Statistik. Doch es sollte auch bedacht werden, dass man in der Psychologie oftmals mit uneindeutigen und schwer überprüfbaren Sachverhalten und Theorien zu tun hat. Der Mensch ist schließlich kein Roboter und nur in begrenztem Maße berechenbar. Es gibt meistens kein klares ja oder nein, schwarz oder weiß, eins oder null. Wer sich auch damit abfinden kann, hat schon einmal gute Voraussetzungen für ein Studium der Psychologie.

 

Eintrag von Maria Reichert, Bachelorstudium Psychologie, 10.06.2015

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