…Aber was machst du hier in Chemnitz?

german american photo cropped_blogIch schätze, dass ich diese Frage mindestens tausendmal gehört habe, seitdem ich nach Deutschland gezogen bin. Ich komme aus den USA, aus St Louis im Bundesstaat Missouri und ich bin hier an der Technischen Universität Chemnitz, um meinen Master in Psychologie zu machen. Und wie oft ich die Frage auch höre, ich beantworte sie jedes Mal gern: weil ich gern in Chemnitz bin.

Mein Weg nach Chemnitz war lang. Ich habe angefangen Deutsch zu lernen, als ich in der siebten Klasse war. Ich kann mich nicht mehr wirklich erinnern, warum ich an meiner Schule Deutsch gewählt habe, und keine andere Sprache, aber ich erinnere mich auf jeden Fall an die herausfordernden, extra-super-langen Wortzusammensetzungen und die zungenbrechergleiche Aussprache. Ich habe die Sprache schon immer geliebt und dann auch auf der High School weitergelernt.

Dann begann ich mein Studium an der University of Missouri, mit Psychologie als Haupt- und Deutsch als Nebenfach. Um meine letzten paar Credits für mein Nebenfach zu bekommen, schrieb ich mich ins „summer institute“ an der Philipps-Universität Marburg ein. Das Programm dauerte nur vier kurze Wochen, hatte jedoch großen Einfluss auf mich. Ich reiste zurück an die Universität in Missouri – aber war komplett davon überzeugt, dass ich in Deutschland leben sollte, und nicht in den Staaten. Ich weiß, es klingt verrückt, doch ich war überzeugt! Ich habe mich dazu entschieden, mein Nebenfach Deutsch zu einem zweiten Hauptfach zu upgraden, damit ich am Ende meines Studiums zwei Bachelor-Abschlüsse und damit eine bessere Chance habe, an einer Universität in Deutschland aufgenommen zu werden.

Im Dezember 2012 machte ich meinen Collegeabschluss, war aber noch nicht ganz bereit, mein Heimatland zu verlassen. Ich entschied mich dafür, ein bisschen länger zu bleiben und etwas Arbeitserfahrung im Bereich Psychologie zu sammeln. In den nächsten zwei Jahren hatte ich zwei wirklich lehrreiche und Erfüllung bietende Jobs: einen, in dem ich mit Patienten arbeitete, die stationär psychologische und psychiatrische Betreuung erhielten, und einen Job im Pflegeheim als Aktivitäten-Assistentin. Ich habe das Leben genossen, aber irgendetwas fehlte. Anfang 2014 habe ich mich endlich bereit gefühlt, einen Umzug nach Deutschland zu planen.

Anfangs musste ich jedoch beweisen, dass ich Deutsch auf einem Level spreche, welches hoch genug ist, um in einem universitären Kontext erfolgreich zu sein. Ich machte die DaF-Prüfung (eine lange, sehr umfassende ‚Deutsch als Fremdsprache‘-Prüfung), in der mein Lese- und Hörverstehen sowie meine Sprech- und Schreibfertigkeiten geprüft wurden. Meine Ergebnisse waren ganz gut – aber nicht überragend. Ich erreichte die höchste Punktzahl in zwei Bereichen (TDN 5), aber nur ein „befriedigend“ in zwei anderen (TDN 3). Mit diesen Bewertungen bewarb ich mich für verschiedene Psychologie-Master überall in Deutschland.

Leider verlangten die meisten Universitäten Deutschkenntnisse auf dem Level, das ich im TestDaF ganz knapp nicht erreicht hatte. Ich brauchte mindestens TDN-4-Bewertungen in allen 4 Untertests, was bedeutete, dass ich automatisch von vielen Universitäten disqualifiziert wurde, bevor sie überhaupt meinen Lebenslauf lesen konnten. Die Technische Universität Chemnitz war jedoch an der Gesamtpunktzahl interessiert, und nicht an den individuellen Bewertungen. Deshalb wurde ich zum Masterstudium der Psychologie zugelassen und bekam meine Chance, nach Deutschland zu ziehen. Ich erhielt Mitte August den Zulassungsbescheid und mir wurde gesagt, ich müsse im Oktober in Chemnitz sein, bereit mein Studium anzutreten. Wahnsinn!

Also habe ich in den kürzesten und verrücktesten sechs Wochen meines Lebens meinen Job gekündigt, bin aus meinem Apartment gezogen, habe ein One-Way-Ticket nach Berlin gekauft, einen Mietvertrag für eine Wohnung in Chemnitz unterschrieben und Goodbye zu meiner Familie und meinen Freunden gesagt – und bin in die ehemalige Karl-Marx-Stadt gezogen. 😉

Ich war aufgeregt, ja, aber ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwarten würde… Es stimmt, dass ich so einige frustrierte Sonntage erlebt habe, an denen ich einfach nur einkaufen gehen wollte (außer Frage, kannst du vergessen!), und ich hatte viel zu viele Sprachbarrierepannen, um sie überhaupt zählen zu können. Aber ich habe auch ein paar wirklich fantastische Freunde gefunden – sowohl Muttersprachler als auch Internationale – und ich habe endlich mein Ziel, in Deutschland zu leben, erreicht! Jeden Tag fühle ich mich etwas mehr zu Hause hier in Chemnitz, und habe meine Entscheidung nie bereut. Obwohl ich immer (und immer wieder) „Du kommst aus Amerika? …Aber was machst du hier in Chemnitz?“ gefragt werde, bekomme ich es nie satt, zu antworten: Mein Leben war nie besser, und ich könnte nicht glücklicher sein, hier in Chemnitz Psychologie zu studieren und zu leben.

 

Eintrag von Sarah, Masterstudium Psychologie, 23.06.2015

(Übersetzung: Micele Ulbricht)

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