Praxis vs. Theorie – 6 lehrreiche Wochen im Praktikum

Während einige von euch einen Teil ihrer Semesterferien vielleicht in irgendeinem sonnigen Land verbracht haben, bin ich in meine Heimatstadt Erlangen zurückgekehrt und habe dort für sechs Wochen Praktikum gemacht. Im Bachelor Psychologie an der TUC sind insgesamt neun Wochen Pflichtpraktikum vorgeschrieben. In Vollzeit, also 40 Stunden die Woche. Und das hieß für mich jeden Tag um kurz nach 6 Uhr aufstehen und frühestens um 17 Uhr wieder nachhause kommen – daran muss man sich als Student auch erstmal gewöhnen. 😀 In der ersten Woche war ich abends dementsprechend kaputt, aber mit der Zeit ging es dann zum Glück immer besser.

Aber wo genau war ich denn jetzt eigentlich und was habe ich da so den ganzen Tag gemacht? 😉

Als Praktikumsstelle habe ich mir die Jugend- und Familienberatung (JFB) der Stadt Erlangen ausgesucht. Diese ist Teil der Integrierten Beratungsstelle, die auch eine Drogen- und Suchtberatung sowie eine staatlich anerkannte Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen mit einschließt. Wie ihr seht: Ich wurde hier Teil eines ziemlich großen und breit gefächerten Gesamtteams! Allein die JFB hat 11 Mitarbeiter, darunter jeweils zwei Psychologinnen und Psychologen.

Meine Tätigkeit dort lässt sich grob in vier unterschiedliche Bereiche gliedern:

  1. Teilnahme an Erst- oder Beratungsgesprächen
    UHier durfte ich Gesprächen beiwohnen, in denen die Klienten entweder zum ersten Mal zur Beratung bzw. Vorstellung kamen oder einen Termin innerhalb einer laufenden Beratung wahrnahmen. Oft war das Thema der Umgang mit den Kindern nach einer Trennung oder Scheidung der Eltern. Hier war ich zum Glück an keinem Gespräch mit sogenannten „hochkonflikthaften“ oder „hocheskalierten“ Trennungspaaren beteiligt (diese werden vom Gericht an die Beratungsstelle verwiesen, wenn sie sich dort partout nicht einigen können), aber die gehörten Probleme empfand ich oft schon als ausreichend schlimm… Andere Themen waren zum Beispiel Erziehungsfragen, Beziehungsprobleme oder auch Alkoholabhängigkeit (hier habe ich 2x in die Drogen- und Suchtberatung reingeschnuppert).
  2. Teilnahme an Teamsitzungen und Arbeitskreisen
    Jeden Mittwoch war Teamsitzung, das heißt es trafen sich alle 11 Mitarbeiter der JFB und besprachen aktuelle Themen, Organisatorisches und – am spannendsten – Fallbeispiele. Sowas nennt sich dann „kollegiale Fallsupervision“. Hier holen sich Mitarbeiter die Meinungen, Ideen oder Ratschläge ihrer Kollegen zu Fällen, bei denen sie sich selbst unsicher sind oder auch nur Bestätigung ihres Vorgehens brauchen. Das fand ich immer sehr interessant und gleichzeitig beeindruckend, weil viele der Mitarbeiter aufgrund ihres enormen Erfahrungsschatzes sofort darauf kommen, was denn eigentlich hinter den Problemen der Klienten steckt oder stecken könnte. Da habe ich oft innerlich ganz schön gestaunt – ich mit meinen drei Jahren Studium und null Praxiserfahrung. 😀 Naja, jeder fängt mal klein an.
    In den Arbeitskreisen wurden dann spezifische Themen behandelt, teilweise auch m it externen Kollegen aus anderen beraterischen Einrichtungen. IMG_20151008_170306_Blog2
    In diesem Bereich konnte ich oft mehr zuhören als mitreden un d da man dabei schonmal ein  bisschen müde werden kann, habe ich angefangen zu „kritzeln“. Zum Glück bin ich ja eine multitaskingfähige Frau und deswegen hat dies meiner Konzentration nicht geschadet – haben die Kollegen auch alle nicht schlimm gefunden. 😉
  3. Diagnostik und Testungen
    Dies war für mich der interessanteste Teil des Praktikums, da ich hier viel selber machen durfte und außerdem – welch Wunder! – Wissen aus meinem Studium (vor allem aus der Vorlesung „Entwicklungsdiagnostik“ und den Seminaren zu „Testtheorie“) anwenden konnte. Konkret ging es darum, dass Eltern ihre Kinder wegen Schulproblemen und Sorgen bezüglich einer möglichen Teilleistungsstörung (Legasthenie oder Dyskalkulie) anmelden. Zur Diagnose werden dann entsprechende Tests mit den Kindern durchgeführt, um bei Bedarf eine mögliche Förderung beantragen zu können. Hier konnte ich teilweise von vorne bis hinten im Prozess der Aufnahme, Testung, Auswertung und Abschlussbesprechung dabei und auch selbst aktiv sein. Das hat mir schon sehr gefallen – vor allem der direkte Kontakt mit den Kindern, aber auch die Diskussionen über Prozentränge und das doppelte Diskrepanzkriterium waren toll!
  4. Recherche am PC
    Das gehört wahrscheinlich zu jedem Praktikum dazu – genauso wie ein bisschen Fremdbeschäftigung bei Langeweile, aber das habe ich jetzt nicht gesagt. 😉
    Ich habe hier sowohl nach persönlichem Interesse als auch im Auftrag von Kollegen unterschiedliche Themen recherchiert. Ich fand es einfach mal gut, mir die Zeit nehmen zu können, mich in Themen reinzulesen, für die man im Studium neben den ganzen „Pflichtlernthemen“ gar nicht wirklich die Zeit findet.

Insgesamt kann ich sagen, dass ich in diesem Praktikum so einiges gelernt habe! Sowohl in Teambesprechungen als auch in den Beratungsgesprächen selbst habe ich so viel Input bekommen, dass ich abends oft ganz fertig war – obwohl ich doch eigentlich den ganzen Tag „nur“ aufmerksam zugehört hatte.

Außerdem hatte ich das Glück, Teil eines sehr netten Teams zu werden, in dem ich mich gut aufgehoben und respektiert fühlte. Es war immer Zeit für einen Plausch über Persönliches oder besonders anstrengende Klienten und die Atmosphäre war einfach angenehm. 🙂

Andererseits muss ich auch sagen, dass es mir teilweise (noch) sehr schwer fiel, mich von den Problemen der Klienten genug abzugrenzen, was für eine Arbeit in diesem Bereich unbedingt notwendig ist. Doch das sehe ich nicht im negativen Sinne, sondern mehr als Hinweis für mich selbst, dass ich dann vielleicht doch besser eine andere Richtung einschlagen sollte.

Was ich aus diesem Praktikum also zusammengefasst mitnehmen kann, ist erstens die Erkenntnis, dass ich in meiner Zukunft keine beraterische Karriere sehe und zweitens die Einsicht, dass Wissen viel, aber ohne Erfahrung nicht alles ist. 😉

 

Eintrag von Elisabeth, Bachelorstudium Psychologie, 12.10.2015

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