Autismus-Abend der Fachgruppe Psychologie

Am Montag, den 30. November, fand ein lange ersehntes und seit Sommer geplantes Event der Fachgruppe Psychologie statt:
Ein Abend rund um das Thema Autismus, durchgeführt im Club der Kulturen, direkt am Campus.
Anlass dafür war die überraschende Nachricht eines jungen Mannes Ende letzten Sommersemesters an uns, die Fachgruppe Psychologie. Darin erzählte er, dass er durch verschiedene Städte Deutschlands „toure“ und an Universitäten Vorträge über sein Leben als Autist hielte. Wir holten uns daraufhin Informationen von Unis, an denen er schon referiert hatte. Deren Berichte waren durchwegs positiv und voller Begeisterung, deshalb sagten wir ihm (im Folgenden nenne ich ihn einfach nur Julian) gerne zu.

Da wir nicht nur einen einsamen Vortrag alleine anbieten wollten, überlegten wir uns noch ein passendes Rahmenprogramm. Und somit entstand langsam das Konzept für unseren Autismus-Abend. 🙂Poster Autismus_Blog

Wie der Abend dann im Endeffekt ablief, könnt ihr unserem Plakat nebenan entnehmen.

Den Start machte Professor Mühlig, das Oberhaupt der Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie an unserem Institut. Er führte uns in einem kurzen Vortrag in die Theorie hinter dem Begriff „Autismus“ ein. So erfuhren wir hier zum Beispiel, dass es sich bei Autismus um eine Spektrums-Störung handelt, dass Struktur das Wichtigste im Leben eines Autisten ist und welche Diagnose- und Interventionsmethoden es dafür gibt.

Dann kam der eigentliche „Hauptact“ des Abends: Julians Vortrag. Dieser basierte sowohl auf seiner Lebensgeschichte, seinen Erfahrungen und Rückmeldungen aus vorherigen Vorträgen als auch auf den Fragen, die im Voraus von den Studierenden zahlreich eingeschickt wurden.
Sein Bericht war äußerst lebendig, humorvoll und interessant. Er selbst ordnet sich zu 85% den Asperger-Autisten zu. Jetzt denken bestimmt einige von euch: „Oh Autisten, das sind doch diese Menschen, die nach einem Zwei-Stunden-Flug über Manhattan die komplette Skyline nachzeichnen können oder über 22.000 Ziffern der Zahl Pi auswendig können.“ Hier muss man jedoch klar differenzieren: dies bezeichnet man als Inselbegabung oder auch Savant-Syndrom und ist nicht gleichzusetzen mit Autismus. Diese beiden Störungen/Phänomene treten nur in einem erhöhten Zusammenhang auf, das bedeutet konkret: jeder zweite Inselbegabte ist auch Autist. Nur soviel dazu. 😉

Aber zurück zu Julian. Seine Begabung ist seine Eloquenz und seine Fähigkeit, sehr gut kommunizieren zu können. Er verschaffte uns anhand vieler Beispiele und Metaphern einen sehr realistischen, konkreten und privaten Einblick in seinen Alltag und seinen Werdegang als Asperger-Autist.
Er berichtete uns zum Beispiel von einem viertägigen Ausflug nach Berlin, vor dem er für jeden der Reisetage ein komplettes Outfit (inklusive Schuhe und Gürtel) kaufen und eingeschweißt in einer Plastikbox mitnehmen musste. So schaffte er sich selbst Sicherheit und Struktur – zwar verbunden mit einem hohen finanziellen Aufwand – aber ohne diese Maßnahmen hätte er den Ausflug nicht mitmachen können.
Ein weiteres Thema war seine Vorliebe für Züge. Hier musste das ganze Publikum kurz lachen, da dies vielen von der Figur Sheldon Cooper aus der Serie „The Big Bang Theory“ sehr bekannt vorkam. Julian beschrieb das Erhalten seiner Bahncard als einen der glücklichsten Momente seines Lebens, da sie für ihn ein Zeichen für Selbstständigkeit und Freiheit darstelle. Seiner Meinung nach ein wesentlich schöneres Ereignis als die Nachricht, dass er Onkel werde. Klingt für uns vielleicht komisch, aber so sieht seine Welt eben aus.

Mir persönlich war Julian sehr sympathisch und man merkte, dass alle Zuhörer total aufmerksam und interessiert waren. Denn, wann hat man sonst schonmal die Chance auf einen so persönlichen Einblick in ein komplexes und vielfältiges Störungsbild wie Autismus?
Für die kulinarische Verpflegung zwischendurch hatten einige meiner Fachgruppen-Mitglieder superleckere Salate und Brötchen vorbereitet − die auch alle ratzfatz weg waren. 😀

Nach Julians ausführlichem Bericht hatten wir als Publikum nochmals die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Und da waren auch noch einige übrig, die er uns alle sehr offen und auf locker-lustige Art beantwortete. Ich selbst fragte ihn zum Beispiel, wie es denn bei ihm mit körperlicher Zuneigung aussähe. Denn vorher hatte er schon davon gesprochen, dass eins seiner momentanen Ziele sei, eine Beziehung einzugehen. Julian meinte daraufhin, je mehr Vertrauen und Sicherheit er mit einer Person empfände, desto besser könne er von seiner Struktur abweichen und so etwas wie die „Herausforderung Kuss“ wagen.
Eine weitere Frage an Julian war die, ob er, falls es eine Pille zur „Heilung“ von Autismus gäbe, diese schlucken würde. Seine Antwort lautete ganz klar Nein! Denn die Störung gehöre einfach zu ihm und mache seinen Charakter aus. Außerdem habe er jetzt schon fast ein Vierteljahrhundert gelernt, sich mit dem Autismus auseinanderzusetzen und sein Leben drumherum aufgebaut, jetzt wolle er das nicht mehr missen.
Insgesamt merkte man ganz klar, wie reflektiert Julian über sich und seinen Autismus ist, wie gut er gelernt hat damit umzugehen und wie toll er sich trotzdem entwickelt hat – und dies immer noch weiter tut!

Zum Abschluss des Abends zeigten wir noch einen Kurzfilm zum Thema Autismus, der einen Einblick in das Leben einer Familie mit einem Autismus-Sohn liefert. Wer möchte, kann sich diesen hier anschauen.

Alles in allem, war es wirklich ein gelungener und sehr interessanter Abend!
Ich war schon ein wenig stolz auf uns für die Organisation dieser Veranstaltung der besonderen Art.
Doch vor allem war ich Julian dankbar dafür, dass er uns für ein paar Stunden so einen breiten Einblick in sein Leben gewährt und uns mit seinem Humor und seiner positiven Lebenseinstellung in den Bann gezogen hat. 🙂

 

Eintrag von Elisabeth, Bachelorstudium Psychologie, 03.12.2015

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