„Eine besondere Freundschaft“: Deutsch-israelischer Workshop an der TU Chemnitz

Noch heute wirft der Zweite Weltkrieg schier undurchdringbare, dunkle Schatten über die Vergangenheit und Gegenwart Deutschlands. In Anbetracht des systematischen, millionenfach verübten Mordes an europäischen Juden innerhalb des Zweiten Weltkrieges erscheint das letztjährige Jubiläum hinsichtlich fünfzig Jahre deutsch-israelischer Beziehungen tatsächlich als ein oft zitiertes „Wunder der Geschichte“. Maßgeblichen Anteil an dieser schrittweisen, aber dennoch konstanten Annäherung beider Staaten besitzen nicht nur politische Vordenker wie der damalige westdeutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer sowie dessen israelischer Amtskollege Ben Gurion. Das heute „freundschaftlich“ interpretierte Verhältnis wurzelt vielmehr im über dreißig Jahre hinweg vorangetriebenen, deutsch-israelischen Dialog junger Menschen.

Auch der Lehrstuhl Internationale Politik des Institutes für Politikwissenschaft initiiert in diesem Jahr gemeinsam mit dem im südisraelischen Sderot gelegenen „Sapir Academic College“ einen themenbezogenen Workshop. Vom 11.-17. März folgten dreißig israelische Studierende zunächst der Einladung von Frau Prof. Dr. Beate Neuss, Inhaberin des Lehrstuhles Internationale Politik, nach Chemnitz. Im kommenden Juni erfolgt der Gegenbesuch aller am Projekt teilnehmenden, deutschen Studierenden in Israel.

Der gegenseitige Austausch beider Seiten verdeutlichte im Laufe des Workshops, wie offen und zugleich verschieden junge Generationen beider Staaten heute den Holocaust thematisieren. Während die deutschen Teilnehmenden nachdrücklich die noch immer präsente, historische Schuld ihres Landes bekräftigten, zeigten sich ihre israelischen Gäste angesichts globaler Herausforderungen vermehrt zukunftsgewandt. Zwar dürfe das Geschehene niemals vergessen, die gemeinsame Kooperation jedoch ebenso wenig negativ beeinflusst werden. Ausdruck findet dieser versöhnende Standpunkt im steigenden Image Deutschlands: Insbesondere Berlin zieht seit einigen Jahren zunehmend israelische Touristen und Zuwanderer an, weshalb es – in Anspielung auf die israelische Hauptstadt Tel-Aviv – umgangssprachlich häufig als „Spree-Aviv“ Bezeichnung findet. Dennoch erkannten alle Studierenden auch wesentliche Unterschiede ihrer Heimatstaaten hinsichtlich deren jeweiligen, sicherheitspolitischen Umfeldes. Regelmäßig muss Israel dessen Existenzrecht in Konflikten mit Nachbarstaaten oder militanten Gruppierungen verteidigen. Massenhafte Raketenangriffe stellen auch für die israelischen Teilnehmenden des Workshops eine omnipräsente Gefahr im alltäglichen Leben dar. Trotz der zurückliegenden Terroranschläge in europäischen Mitgliedstaaten lebt die deutsche Gesellschaft dem hingegen seit über siebzig Jahren in Frieden.

Neben solchen wissenschaftlichen Analysen und persönlichen Gesprächen gewährten nicht zuletzt die seitens der jüdischen Gemeinde organisierten „25. Tage der jüdischen Kultur Chemnitz“ ein facettenreiches Rahmenprogramm hinsichtlich Geschichte, Gegenwart und Kultur jüdischen Lebens. Auch die israelischen Studierenden erlangten beispielsweise mittels einer Exkursion nach Dresden oder den beinahe obligatorischen Erkundungen des Chemnitzer Kneipen- und Nachtlebens nachhaltige Impressionen ihres Reisezieles Sachsen. Am Ende der Woche wurde schließlich deutlich, welchen Beitrag ein solcher Dialog junger, unvoreingenommener Menschen leisten kann: Die Vertiefung einer angesichts historischer Belastungen besonderer, jedoch gerade deshalb ungemein wertvoller Freundschaft.

 

Eintrag von Benedict, Bachelorstudium Politikwissenschaft, 07.04.2016

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