Ehrenamtliches Engagement beim Verein „Weißer Stock e. V.“

Um ehrlich zu sein, habe ich mir nie Gedanken gemacht, wie es ist, blind zu sein. Ob man sein Essen nur mit dem Löffel isst, ob man Rolltreppe fahren kann, wie man gefahrlos über die Straße kommt. All das sind Dinge, worüber man sich als Sehender einfach keine Gedanken machen muss. Seit ich jedoch das Projekt „Fü(h)r mich“ des Weißen Stock e.V. Chemnitz kenne und mich dort engagiere, habe ich viel über Vorurteile gegenüber Sehbehinderten gelernt und gemerkt, dass es Vieles gibt, was ich nicht wusste und was mich erstaunte.

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©Sylvia Graupner

 

Der Weiße Stock e.V.

Zunächst möchte ich euch aber erklären, wer oder was der „Weiße Stock e.V.“ überhaupt ist. Der Name deutet es ja schon an, dass der Verein irgendetwas mit Blinden zu tun haben könnte. Und tatsächlich ist Ziel und Hauptaufgabe des Vereins die Organisation und Betreibung der Beratungsstelle für blinde und sehbehinderte Menschen in Chemnitz, wobei auch mehrere Projekte entstanden sind. Gegründet wurde er im Jahr 2000 und ist als gemeinnütziger Förderverein anerkannt.

 

Projekt „Fü(h)r Mich“

In Zusammenarbeit mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband entstand das Projekt „Fü(h)r Mich“ – ein ehrenamtlicher Begleitdienst für blinde und sehbehinderte Menschen. Im Rahmen des Projektes soll ein Pool von freiwilligen, ehrenamtlichen Begleitassistenten zur Unterstützung blinder und sehbehinderten Menschen entstehen, denn diese möchten oft gerne eine unterstützende Begleitperson für verschiedene Ausflüge oder auch nur Erledigungen. Dies können z. B. Arztbesuche, Behördenwege, Einkaufsbummel, Spaziergänge, Museumsbesuche oder andere Ausflüge sein.

Wie der doppeldeutige Titel „Fü(h)r mich“ symbolisiert, steht dabei das Aufeinander Zugehen von behinderten und nichtbehinderten Menschen im Vordergrund. Diese Gegenseitigkeit wird dadurch erreicht, dass die individuellen Interessen von Begleiteten und Begleitern bei der Vermittlung berücksichtigt werden. Vor allem bei der Begleitung im Freizeitbereich spielen sie eine wichtige Rolle“ (Webseite des Weißen Stock e.V.)

Ich selbst habe von dem Projekt zunächst über Plakate im Bus erfahren, die im Frühjahr/Sommer 2015 in verschiedenen Linienbussen in Chemnitz ausgehängt waren. Mich haben sofort die lustigen Karikaturen angesprochen, wie ihr sie auch auf dem Bild oben seht. Jedoch habe ich mich nicht sofort bei dem Projekt angemeldet.

Erst als ich im Sommer 2015 im Freiwilligenzentrum Chemnitz war und mich über Möglichkeiten zu freiwilligem Engagement informiert habe, kam das Gespräch wieder auf das Projekt „Fü(h)r mich“ sowie den Weißen Stock e.V und ich habe mich beim Weißen Stock gemeldet.

Nach einem persönlichen Gespräch, in dem ich die Ansprechpartnerin Frau Jurentschk kennenlernte und Näheres über das Projekt erfuhr, war ich begeistert und habe mich schon auf meine erste Begleitung gefreut. Bevor man jedoch auf die Blinden losgelassen wird, muss man eine 2-teilige Schulung mitmachen, wo man einen Einblick in den Alltag der Sehbehinderten bekommt und auch lernt, wie man sich als Begleitperson verhalten sollte.

 

Meine Erfahrungen

Die Schulung war wirklich sehr interessant. Sie wurde von zwei Damen geleitet, die selbst sehbehindert waren und somit authentisch die Fragen der Freiwilligen beantworten konnten. Es waren einige Freiwillige da, wovon die meisten Renter/-innen waren, die mit ihrer neugewonnen freien Zeit etwas Sinnvolles anfangen wollten und sich deshalb für das Projekt entschieden haben. Neben mir waren noch zwei andere Studenten dort, die sich auch als Begleitpersonen engagieren wollten.

Meine erste (und bisher einzige) Begleitung hatte ich erst letzte Woche. Eine ältere Dame brauchte eine Begleitung für einen Museumsbesuch. Ich habe sie morgens am vereinbarten Treffpunkt abgeholt und wir sind zum Omnibusbahnhof in Chemnitz gefahren, von wo aus es mit einer geführten Gruppe von Sehbehinderten weiterging ins Sächsische Nutzfahrzeugmuseum nach Hartmannsdorf. Die Gruppe hatte eine Führung bestellt und ausnahmsweise war es den Sehbehinderten möglich, die Fahrzeuge anzufassen.

Die Führung war sehr interessant und es hat mir wirklich Spaß gemacht. Auch der Dame, die ich begleitete, hat es gefallen und sie konnte durch das Anfassen der Fahrzeuge einen guten Eindruck von Ihnen gewinnen. Die anderen der Gruppe waren ebenso sehr interessiert und stellten viele Fragen während der Führung. Nach dem Ausflug habe ich die Dame noch zur Bahn gebracht und dort verabschiedet.

Natürlich habe ich bis jetzt erst eine Begleitung gehabt, aber meine Erfahrung war sehr positiv. Nachdem ich am Anfang noch unsicher war, habe ich gemerkt, dass das beste Mittel dagegen die Kommunikation mit der sehbehinderten Person ist. Sie sagt, wenn sie etwas stört oder wenn sie etwas an der Begleitung anders haben will.

Selbst wenn man sich nicht so gut mit der sehbehinderten Person versteht, ist das kein Weltuntergang. Wie das halt so ist, können sich manche Menschen einfach nicht riechen und man muss keine weitere Begleitung mit der Person durchführen, wenn man das nicht möchte.

 

Jetzt ihr!

Ich habe mich für das Projekt entschieden, weil ich mich ehrenamtlich engagieren wollte und das möglichst zeitlich flexibel. Bei „Fü(h)r mich“ ist das möglich! Man kann vorher die Zeiten einschränken, in denen man begleiten möchte und kann bei einer Begleitanfrage immer entscheiden, ob man am besagten Tag Zeit hat.

Für Studenten ist das wirklich eine gute Sache. So könnt ihr ganz normal zu Vorlesungen etc. gehen und trotzdem ab und an eine Begleitung durchführen. In der Prüfungszeit oder an stressigen Tagen könnt ihr euch ausklinken und eine Begleitpause einlegen. Wie gemacht also für den studentischen Alltag!

Wenn ich euer Interesse geweckt habe und ihr mehr erfahren wollt, klickt einfach auf die Website des weißen Stock e.V., wo ihr mehr über den Verein und über das Projekt erfahren könnt. Oder wie immer – wendet euch bei Fragen an mich, ich leite euch weiter oder berichte euch Genaueres von meinen Erfahrungen.

 

Eintrag von Viktoria, Bachelorstudium Medienkommunikation, 19.04.2016

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