Begehung zwischen Betroffenheit und professionellem Blick –Exkursion nach Terezín

Bild3Hin und wieder begegnet uns im Laufe des Studiums die Möglichkeit, sich mit theoriegepacktem Rucksack auf eine Reise zu begeben und, wie im vorliegenden Fall, einen Gruppenausflug zu Bildungszwecken zu unternehmen. Nun sind Studierende im Allgemeinen sowie Speziellen eine von wechselnden Stimmungen betroffene Kohorte, was bisweilen zu Irritationen hinsichtlich der Entscheidungsfindung führt. Aber es mag mitunter auch an den seltenen Begegnungen zwischen Lehre und Erfahrung liegen, an der noch zaghaften Liaison zweier zukünftiger Verbündeter, weshalb nicht alle das Ziel in derselben Richtung wähnten. Dennoch geschah es, dass mit einem Teil der Verirrten eine Annäherung gelang.

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So fand im Rahmen des Masterstudiengangs Pädagogik und in Anbindung an das Seminar ‚Bildung im Kulturvergleich‘ im Januar diesen Jahres eine der seltenen und zugleich unabdingbaren Exkursionen statt. Ort dieses ‚wissenschaftlichen‘ Ausfluges war das in Tschechien, genauer in der Aussiger Region (Nordböhmen) gelegene Terezín. Das ist eine ehemalige Garnisonsstadt, die unter anderem als Ghetto Theresienstadt bekannt wurde und auch heute als begehbare Gedenkstätte noch eng damit verbunden scheint. An dieser Stelle sei noch kurz erwähnt, dass während des bereits genannten Seminars eine entsprechende thematische Vorarbeit geleistet wurde. So beschäftigten wir uns unter anderem mit Inhalten zur Zeugenschaft, Erinnerungskultur sowie multiperspektivischer Geschichtsvermittlung (Eine Einführung hierzu gibt beispielsweise die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrem Dossier zu ‚Geschichte und Erinnerung‘. Abrufbar unter der URL: http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/). In diesem Zusammenhang ging es auch um Fragen zur Wahrnehmung und Deutungshoheit im Kontext von Zeit und Raum. Oder anders ausgedrückt: Wer spricht bzw. wer wird gehört, zu welcher Zeit und an welchem Ort?

Der Einstieg in eine solche Besichtigung ist wahrlich schwer zu fassen. Begonnen haben wir unseren Streifzug mit einem geführten Rundgang durch die Stadt beziehungsweise durch die große Festung. Ausgangspunkt war hierbei das Ghetto-Museum in unmittelbarer Nähe zum zentralen Marktplatz, welcher zu diesem Zeitpunkt in eine winterlich kühle Atmosphäre gehüllt war. Bedrückend still präsentierte sich das Alltagsgeschehen und so starteten wir mit der Überschreitung des Marktplatzes, währenddessen uns einige Erläuterungen zu den angrenzenden Gebäuden begleiteten. Bereits hier begann ein Gedanke, eine Frage sich zusehends in den Vordergrund zu schieben: Wie lebt man an einem solchen Ort? Wer wohnt hier und welche Rolle spielt dabei die Stadt als Gedenkstätte? Der uns begleitende Museumsmitarbeiter beantwortete diese Frage zunächst denkbar rational. Studierende und junge Leute aus der näheren Umgebung zieht es nach Terezín. Platz sei ausreichend vorhanden und die Mieten erschwinglich. Auf die Nachfrage, ob er denn auch hier wohne, bekamen wir ein kurzes und bestimmtes „Nein! Niemals!“ zu hören. Vielmehr gab es dazu nicht zu erfahren. Erst später erfuhren wir, dass gerade ältere Bewohner ein mitunter gespaltenes Verhältnis zur Stadt als Gedenkstätte und dem damit verbunden Tourismus haben. Anschließend ging es vorbei an der Magdeburger Kaserne, deren Ausstellung wir zu einem späteren Zeitpunkt besuchten, und der im Verfall begriffenen Bodenbach-Kaserne, über brachliegende Gleise die wie kaum ein anderes Zeugnis für die Deportation stehen, hin in Richtung Totenkammer und Kolumbarium (Ort zur Aufbewahrung der Asche von Verstorbenen). Was sich hier wie eine beiläufige Aufzählung liest, war im Moment der Begehung eher getragen von unwirklicher Gegenwart und seltsamer Entrücktheit. An diesem Punkt muss ich erwähnen, dass wir nicht einfach nur eine Gedenkstätte besuchen wollten, sondern durchaus einen wissenschaftlichen Auftrag im Gepäck hatten. Ausgehend von den bereits erwähnten Inhalten des Seminars, war der Ansatz, zu hinterfragen welche Perspektiven an einem solchen Ort zum Tragen kommen und welche, ob nun bewusst oder unbewusst, ausgespart werden. Dieser eingeforderte professionelle Blick stellte im Nachgang eine nicht so einfach zu bewältigende Herausforderung dar, zumal mit dem Erreichen der jenseits der Befestigungsanlage befindlichen Orte eine gewisse Wandlung eintrat.

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War es zuvor die Begehung einer Stadt, welche neben ihrer unheilvollen Geschichte, eben auch das mal mehr und mal weniger trostlose Dasein einer Kleinstadt fristet, entsprach es nun schon eher der vermeintlich gängigen Vorstellung von Gedenkstätten und brachte damit auf eigenartige Weise routinierte Verhaltensweisen in der Auseinandersetzung mit Vergangenheit zum Vorschein. Eine Art implizite Orientierungshilfe, die das Spannungsfeld zwischen individuellen Formen der Erinnerung und öffentlich anerkannten Praktiken durchaus gekonnt zu überspielen weiß. Auch beim Besuch des jüdischen Friedhofs mit angrenzendem Krematorium und der Ausstellung „Kunst im Ghetto“ in der Magdeburger Kaserne blieb die konditionierte Betroffenheit im Vordergrund, wobei letzteres durchaus in der Lage war durch künstlerische Vielfalt mit dem Gewohnten zu brechen.

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Ein sehr fruchtbarer Versuch jenseits der beschriebenen Wege war dagegen der Einsatz von sogenannten ‚Walking Interviews‘, die mit Hilfe einer Videokamera während der Begehung durchgeführt wurden. Bei diesen Gesprächen in Bewegung kommt dem räumlichen Aspekt eine wichtige Bedeutung zu. Der Ansatz basiert auf der Annahme, dass eine entscheidende Beziehung zwischen dem, was die Interviewten sagen und wo sie es sagen besteht und die Antworten tiefgreifend durch die Landschaft, in der die Gespräche stattfinden, geprägt sind. Thematisch verbanden die geführten Interviews Inhalte aus dem Seminar mit den vor Ort erfahrenen Eindrücken und schlugen somit auch eine Brücke hinsichtlich der Begegnung von Betroffenheit und Professionalität. Aus dem gesammelten Material entstand letztlich ein Film, der zur Nachbetrachtung, auch für die Daheimgebliebenen, im Rahmen des Seminars diente und so den Gruppenausflug zu Bildungszwecken ganz im Sinne der didaktischen Dreifaltigkeit vollendete.

Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass es mitunter herausfordernd sein kann, die oftmals schützenden Mauern der Universität oder wahlweise auch die der Theorie, zurückzulassen und hinauszutreten in eine Welt, deren Vorstellung anders ist als die Vorstellung.

In diesem Sinne, Rucksack drauf und auf zur Exkursion.

 

Wer noch etwas zum Thema Terezín lesen möchte, kann das unter anderem hier tun:

http://www.pamatnik-terezin.cz/en?lang=en

http://jugendbegegnung.de/dresden/

www.theresienstadt-zeitreise.de

 

Eintrag von Robinson, Masterstudium Pädagogik mit Schwerpunkt Lernkulturen, 21.04.2016

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