Auslandspraktikum in Japan – Kulturschock durch und durch

Seit nun knapp zwei Monaten befinde ich mich im Auslandspraktikum an einem der Orte, welcher kaum östlicher sein könnte.

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Osakajo. Das Schloss von Osaka und Wahrzeichen der Stadt.

Wie es begann?

Als Teil des Masterstudiums der Regenerativen Energietechnik kann man in einem Semester 30 LP mithilfe eines Forschungs- oder Auslandspraktikums erhalten. Aufgrund meiner so positiven Erfahrung während meines Aufenthalts in Norwegen, war die Entscheidung schnell getroffen, dass ich noch einmal ins Ausland gehen werde. Japan war dabei zwar nicht die erste Wahl, aber es war letztlich die einzige Option, welche es mir und meinem Kommilitonen ermöglicht hatte, das Praktikum sowohl zusammen als auch in unserem Fachbereich der Leistungselektronik zu absolvieren.

 

Wie war die Vorbereitung?

Japanisch konnten wir beide nicht und tun uns auch jetzt noch schwer damit einige wenige Sätze korrekt zu nutzen. Natürlich hat man sich ein wenig über das Wetter und auch über einige Besonder- und Eigenheiten der Kultur und der Menschen belesen. Letztlich wollte man jedoch seine ganz eigenen und ungefärbten Erfahrungen machen.

 

Wie waren die ersten Eindrücke?

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Osaka vom Wasser aus bestaunt

Kaum einer spricht englisch, jedoch ist jeder beängstigend freundlich. Die Straßen sind sauber und die Städte sind mit zahlreichen Grünanlagen und traditonellen Tempeln und Schreinen überseht. Das alltägliche hier könnte kaum anders sein, als man es aus Europa gewohnt ist.

  • Arbeit und Erfolg im Beruf steht ganz oben an und dominieren den Alltag.
  • So gut wie alles ist − niedlich hergerichtet; so auch Verbotsschilder oder Warnhinweise.
  • Kulturell kenne ich kein Land, welches einen größeren Facettenreichtum aufweist.
  • Was in Deutschland als Zeichentrick für Kinder abgetan wird, ist hier fester Bestandteil der Kultur und zahlreicher Hobbys.
  • Viele Sachen, die in Deutschland zu meiner Grundnahrung gehören (Käse, Wurst, Obst, Quark), gibt es entweder gar nicht, völlig überteuert oder in fragwürdiger Qualität.
  • Sushi gehört zwar zu den bekanntesten Delikatessen, war in zwei Monaten aber erst einmal auf dem Speiseplan; vielmehr sind herzhafte Teigwaren und Frittiertes an der Tagesordnung.
  • Salziger Fisch, saure Gurken oder Spaghetti Bolognese zum Frühstück sind gewöhnungsbedürftig.
  • Die Sprache ist vollkommen anders und bedarf spezieller Applikationen, um sie dem Ausländer zugänglich zu machen.
  • Die Landschaften und Sehenswürdigkeiten suchen in der Welt ihres Gleichen.
  • Gegenseitige Achtung und Wertschätzung steht ganz oben; genauso stellt man sich selber immer etwas schlechter dar.

 

Wie ist es in Japan zu arbeiten?

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Ein typischer Abend mit Kollegen in einem klassischen Themenlokal. Hier: Speis und Trank aus Okinawa

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Kiyosume Garten, ein wunderschöner japanischer Garten in Tokyo

„Anders“ ist das für mich treffendste Wort. Zwar erhält man als Praktikant nur einen groben Überblick, jedoch sind manche Einblicke für die eigenen Wertvorstellungen ziemlich fragwürdig.

  • Ein normaler Arbeitstag kann gut und gerne zwischen 10 und 12 Stunden umfassen.
  • Arbeiten bedeutet arbeiten; soziale Interaktion gehört da nicht zwangsweise dazu.
  • Die Firma ist wie eine große Familie und daher verbringt man die meiste Zeit, auch nach der Arbeit, mit Kollegen.
  • Die Firma organisiert viel für ihre Mitarbeiter und sorgt sich um deren Wohl.
  • Urlaub wird meistens nicht genommen aus Angst, dass man Kollegen seine eigene Arbeit aufdrücken würde.
  • Die Sicherheitsvorkehrungen sind sehr präzise und teilweise nicht logisch nachvollziehbar.
  • Englisch lesen, ok. Englisch verstehen, ok. Englisch schreiben, so lala. Englisch sprechen, eher gar nicht.
  • Zahlreiche Meetings stehen auf der Tagesordnung.
  • Oft laufen Diskussionen oder Präsentationen ins Leere, da die Benutzung des Wortes „nein“ unhöflich ist, folglich wird dasselbe manchmal wiederholt diskutiert bis die gewollte Absicht klar geworden ist.
  • Und, und, und…

Auch, wenn der Aufgabenumfang teilweise nicht tagesfüllend ist, sind die Aufgaben an sich zielführend und richten sich nach einem roten Pfaden. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen man ohne Beschäftigung auskommen muss. Als Praktikant bekam ich nicht besonders viel Verantwortung zugewiesen, freute mich jedoch jedes Mal, wenn ich mit meinen Aufgaben zum Fortschritt der Gruppe beitragen konnte.

 

Würde ich eine Reise nach Japan empfehlen?

Definitiv. Wer keine Angst vor Neuem hat, sich nicht zu fein ist mit Händen und Füßen zu kommunizieren und offen ist für eine gänzlich andere Kultur, der findet in Japan sein ganz persönliches Mekka. Unbeschreiblich schöne Landschaften, glamouröse und traditionelle Festivals, Tempelanlagen, Abstrusitäten, völlig andere Wertvorstellungen, Köstlichkeiten und vieles, vieles mehr sind es mehr als wert dieses Land zu besichtigen.

Ich könnte noch viel mehr schreiben. Tatsächlich schreibe ich Tagesberichte für meine Freunde und Familie Zuhause, wo ich Auffälligkeiten und Besonderheiten meiner verstrichenen Tage niederschreibe. Dieses Werk umfasst mittlerweile knapp 200 Seiten, weswegen ich bei Fragen auf eine private Nachricht an mich hoffe. 🙂

In diesem Sinne schöne Grüße aus Japan,

Chris

 

Eintrag von Christian, Masterstudium Regenerative Energietechnik, 07.07.2016

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