Das Erste Staatsexamen – Ein Erfahrungsbericht (Teil 2)

Mein letzter Beitrag handelte von allgemeinen Informationen zum Ersten Staatsexamen für das Lehramt an Grundschulen. Im zweiten Teil der Beitragsreihe soll es nun um das für mich größte Übel der Examensprüfungen gehen − die wissenschaftliche Arbeit. Übel nicht wegen der Ausarbeitung an sich, sondern aufgrund des ungünstigen zeitlichen Ablaufs des Staatsexamens, meinem schlechten Zeitmanagement und meiner mangelnden Motivation für schriftliche Ausarbeitungen. Nicht die besten Voraussetzungen für dieses Mammutprojekt. Wie ich trotzdem die wissenschaftliche Arbeit bezwungen habe und wie du aus meinen Fehlern lernen kannst, erfährst du in diesem Beitrag.

Fokussiertes Arbeiten … war leider nicht meine Stärke. (Foto: Linda Ketzel)

Inhalt, Umfang, Prüfer, Bearbeitungszeit …

Eine wissenschaftliche Arbeit, hinter dieser allgemeinen Bezeichnung kann sich alles und nichts verbergen. Darum hier erstmal ein paar allgemeine Fakten.

Bezüglich der Themenwahl bist du sehr frei. In der umgangssprachlich auch „Examensarbeit“ genannten Ausarbeitung kannst du dich mit jeder Fragestellung befassen, die sich inhaltlich in dein Studium einordnen lässt. Bei einem derart vielfältigen Studium wie dem Grundschullehramt ergeben sich dabei natürlich unzählig viele Möglichkeiten. Ich habe im Fachbereich der Kunstdidaktik über die Animationsfilmproduktion geschrieben und ein entsprechendes Projekt für den Kunstunterricht der Primarstufe entwickelt.

Am Zentrum für Lehrerbildung hat man sich auf einen Umfang von 50-60 Seiten geeinigt. Deine wissenschaftliche Ausarbeitung wird von zwei Gutachtern bewertet. Wer deine Prüfer sind, hängt von der Professur ab, an der du schreiben möchtest. Dein Erstgutachter ist zudem dein Betreuer während des Schreibprozesses. Anschließend an die Anmeldung zur Ersten Staatsprüfung stehen dir vier Monate Bearbeitungszeit (März-Juli) zur Verfügung. Bei wichtigen Gründen kannst du mit einem entsprechenden Nachweis, zum Beispiel einer Krankschreibung, maximal zwei Monate Verlängerung beantragen.

Die vielen inhaltlichen Möglichkeiten und die Komplexität der wissenschaftlichen Arbeit können einen anfangs erschlagen, daher hier ….

12 Tipps …

… rund um die wissenschaftliche Ausarbeitung.

  1. Wähle ein Thema, das dich interessiert und mit dem du dich sicher fühlst! Immerhin wirst du dich in einer sehr ausführlichen Arbeit selbstständig damit auseinandersetzen müssen. Zudem taucht der Titel deiner Ausarbeitung am Ende in deinem Abschlusszeugnis auf und ist damit eine Art „Aushängeschild“ für zukünftige Bewerbungen.
  2. Wähle ein aktuelles Thema! Über etwas zu schreiben, das keinen aktuellen Bezug hat und zu dem schon unzählige Abhandlungen geschrieben wurden, hat nicht nur wenig Mehrwert für deine spätere Arbeit, das Thema gibt zudem nicht mehr viel für eigene Überlegungen her.
  3. Wähle ein Thema, zu dem es bereits Grundlagenforschung gibt! Dies ist meine ganz persönliche Meinung. Neuartige Ansätze schön und gut, aber die wissenschaftliche Ausarbeitung ist keine Doktorarbeit − nicht alle Gedanken müssen von dir selbst stammen. Ohne jede Orientierung mithilfe von Fachliteratur ist die Examensarbeit in dem knappen Zeitrahmen nicht zu schaffen. Daher wirst du fachwissenschaftliche Grundlagen benötigen, auf die du aufbauen kannst.
  4. Keine Themenidee? Wähle einen Fachbereich, der dich interessiert und frage die Dozierenden nach Anregungen. Zudem sollte man die Wirkung spontaner Einfälle nicht unterschätzen. Manchmal kommt die erste Idee zur Arbeit beim gemütlichen Bier im Pub oder unter der Dusche. 😉
  5. Thema geht vor Prüfer! Wähle ein Thema nicht, weil du einen bestimmten Prüfer haben möchtest. Natürlich, ein guter Betreuer kann sehr hilfreich bzw. ein schlechter ziemlich frustrierend sein. Am Ende verfasst aber du die Arbeit, nicht dein Prüfer. DU musst dich mit dem Inhalt auseinandersetzen!
  6. Wähle den Titel weise! Den exakten Titel der Ausarbeitung musst du bereits zur Anmeldung für das Staatsexamen im März VERBINDLICH angeben, also in der Regel noch bevor du angefangen hast zu schreiben. Du solltest ihn daher also weder zu eng, noch zu weit formulieren.
  7. Recherchiere rechtzeitig Literatur! Um sich auf ein Thema festlegen zu können, sich mit dessen Umfang vertraut zu machen und einen geeigneten Titel zu wählen, solltest du noch vor dem Anmeldetermin nach passender Literatur suchen.
  8. Schreibe frühzeitig und konzentriert, am besten nach Schreibplan! Gerade bei empirischen Arbeiten mit Interviews oder Umfragen ist viel Vorlaufzeit sinnvoll. Einige meiner Kommilitonen begannen daher bereits im siebten Semester mit ihrer Ausarbeitung. Da hier aber noch einige Prüfungen und Hausarbeiten anstehen, ist das nicht für jeden ohne Weiteres möglich. Aber spätestens im April solltest du fokussiert und strukturiert mit dem Schreiben beginnen, da du dich ab Juni gleichzeitig dazu umfangreich auf die mündlichen Prüfungen sowie die bildungswissenschaftliche Klausur vorbereiten musst. Lass dich von vier Monaten Bearbeitungszeit nicht täuschen, unter dem Druck der parallel ablaufenden Examensprüfungen verfliegt die Zeit wie im Flug. Ich habe zu spät begonnen und wurde wie immer in „letzter Sekunde“ fertig. Das bedeutet viel Stress und Ärger, den man sich hätte ersparen können, vor allem, wenn Words Abbildungsverzeichnis sich kurz vor der Ziellinie querstellt.
  9. Achte auf den roten Faden! Eine gute wissenschaftliche Ausarbeitung lebt u. a. von ihrem logischen Aufbau. Am besten du arbeitest dich vom Allgemeinen zum Konkreten. Indem du dein Inhaltsverzeichnis und deine Arbeit dahingehend immer wieder hinterfragst, vermeidest du unnötige Weitschweifigkeit. Aus Erfahrung kann ich dir versichern, 60 Seiten können sich als erstaunlich wenig entpuppen, auch wenn man es anfangs nicht erwartet.
  10. Richtiges wissenschaftliches Arbeiten ist das A & O! Um Plagiate oder Punktabzug wegen formaler Fehler zu vermeiden, solltest du dich unbedingt an die Gestaltungsrichtlinien des Zentrums für Lehrerbildung halten und gegebenenfalls in einem Handbuch zum wissenschaftlichen Arbeiten nachschlagen.
  11. Durchgefallen? Was nun? War deine Leistung nicht ausreichend oder hast du deine Arbeit nicht rechtzeitig abgegeben? In diesem Fall hast du nach Bekanntgabe deines Ergebnisses drei Monate Zeit, ein neues Thema einzureichen und eine zweite Examensarbeit zu verfassen, für die du wieder vier Monate Zeit hast.
  12. Du hast bereits eine Bachelor-, Master-, Diplomarbeit o.ä. geschrieben? Du kannst dir eine solche bestandene Abschlussarbeit eines vorherigen Studiums anerkennen lassen und musst somit die wissenschaftliche Arbeit nicht schreiben. Was für eine Entlastung! Allerdings ist die Anerkennung im individuellen Fall abhängig von der Thematik der Arbeit und liegt im Ermessen der Sächsischen Bildungsagentur.

Abschließend kann ich nur betonen, dass mich diese Arbeit einige Nerven und kurze Nächte gekostet hat. Auch, wenn die Hausarbeiten meines Studiums immer auf den letzten Drücker fertig geworden sind und dennoch sehr gut ausfielen, hätte ich mir bei der Ausarbeitung der Ausarbeitungen einen etwas anderen Ablauf gewünscht. Zeitdruck, Schreibblockade, prokrastinatives Serien-Schauen, Krankheit − die Götter waren gegen mich! Was habe ich geschimpft und geflucht. Hand aufs Herz, viele Probleme waren selbstverschuldet. Aber zudem wird meiner Meinung nach an dieser Stelle ein deutliches Defizit der Lehramtsprüfungsordnung I deutlich:

Kann im Zeitraum von vier Monaten und unter zusätzlichem Prüfungsdruck wirklich qualitativ hochwertige Bildungsforschung betrieben werden?!

Viele meiner Kommilitonen, Dozenten und ich selbst bezweifeln das. Da du aber nicht ohne Weiteres die rechtliche Grundlage ändern kannst, wirst du dich an die Gegebenheiten anpassen müssen. Mit meinen Tipps wirst du dich nun hoffentlich besser auf die wissenschaftliche Arbeit einstellen können.

Wissenswertes rund um die bildungswissenschaftliche Klausur gibt’s übrigens im nächsten Beitrag …

 

Eintrag von Linda, Studiengang Lehramt an Grundschulen, 28.08.2017

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.