Mein Tag als Wahlhelfer

Die 19. Bundestagswahl am 24.09.2017 ist nun auch passé. Als Wähler hat man sich im Vorfeld natürlich einige Zeit genommen, sich über die jeweiligen Parteien und ihre Programme zu informieren. Der eigentliche Wahlakt jedoch dürfte innerhalb von fünf Minuten erledigt sein. Wer sich allerdings dazu entschieden hat, als ehrenamtlicher Helfer etwas zum Fortbestand unserer Demokratie in Chemnitz beizutragen, der war weitaus länger beschäftigt.
Erstmal meine Gründe, weswegen ich mich dazu entschied. Zum einen ist man ein Teil eines großen Ganzen, man trägt mit seinem Einsatz dazu bei, dass die Wahl frei und geheim ablaufen kann. Des Weiteren sieht man, (und das ist für mich als Soziologiestudierende besonders interessant) den Habitus, also das soziale Verhalten, aller Wähler in seinem Wahlbezirk. Und natürlich kommen in den wählerfreien Perioden nette Gespräche mit den Wahlhelferkollegen zustande. Für Studenten der reizvollste Grund jedoch dürfte das Erfrischungsgeld von 30-50€ und die Urkunde sein, die euch für euren Lebenslauf ehrenamtliches Engagement bescheinigt. Außerdem wurde man in genügend Vorlesungen von seinen Professoren dazu angehalten, wählen zu gehen, warum dann nicht gleich als Unterstützer bei der Wahl helfen und als erster seinen Stimmzettel in die Urne einwerfen?

Die verschiedenen Funktionen der Wahlhelfer können Beisitzer, Schriftführer (auch stellvertretender) und Wahlvorstand (auch stellvertretender) sein.
Dein Tag als Wahlhelfer beginnt 7.30 Uhr, da Punkt 8.00 Uhr schon die ersten Wähler auf der Matte stehen. Kleine Zusatzinfo: früher in der DDR bekam der erste Wähler im Wahlbüro einen Blumenstrauß.
Dann wird man noch einmal in den Ablauf eingewiesen und legt die Wahlscheine und das Wählerverzeichnis auf den Tisch. Bei ausreichend Helfern gibt es zwei Schichten, die Frühschicht bis 12.45 Uhr und die Spätschicht bis 17.30 Uhr, danach müssen wieder alle anwesend sein.
Als Beisitzer bist du dafür zuständig, die Wähler zu begrüßen und sie anhand ihrer Wahlbenachrichtigung oder ihres Personalausweises im Wählerverzeichnis zu prüfen und ihnen einen Wahlschein auszuhändigen.
Der Schriftführer nimmt dem Wähler nach dem Setzen der Kreuze die Wahlbenachrichtigung ab und hakt ihn in einem weiteren Wählerverzeichnis ab. Der Wahlvorstand gibt nun die Wahlurne frei und der Wahlschein wartet von da an bis 18 Uhr auf die Auszählung, der auch Zuschauer beiwohnen dürfen.
Als erstes werden die abgehakten Wähler im Wählerverzeichnis gezählt, meist sogar zwei Mal, um Unstimmigkeiten zu vermeiden. Dann werden die Wahlscheine geordnet. Zuerst wird ein Stapel gemacht, wo Erst- und Zweitstimme derselben Partei gegeben wurden. Dieser wird dann in die jeweiligen Parteien zerlegt und dann wird jeder Stapel zwei Mal gezählt. Ist das erledigt, werden die Zahlen in ein Formular eingetragen und die Stapel werden mit einer Banderole versehen. Die restlichen Wahlscheine werden nun zuerst nach der Partei der Zweitstimme sortiert und anschließend ebenfalls zwei Mal gezählt und eingetragen. So wird dann schließlich auch mit den Erststimmen verfahren. Zum Schluss wird die Summe aller Wahlscheine ermittelt und mit den abgehakten Wählern verglichen, in der Hoffnung, dass es übereinstimmt. Dann werden noch alle Zahlen per Telefon übermittelt.
Wahlscheine, die beschrieben worden, die mehr als zwei Kreuze enthalten oder die anderweitig bedenklich oder gar leer sind, werden nicht mit einberechnet.

Wenn dann alle Wahlscheine geordnet mit einer Banderole versehen worden, kommen sie sortiert in einen Karton, der in den Wahlkoffer gestellt wird.
Dann wird das Zimmer noch kurz in Ordnung gebracht und alles wird verstaut. Die Wahlhelfer bekommen ihr Erfrischungsgeld und ihre Urkunde und man verabschiedet sich ca. 20 Uhr (manchmal auch später, wenn sich verzählt wurde) fertig, aber auch glücklich, es weitestgehend reibungslos überstanden zu haben. Denn es gibt immer mal wieder kleine Komplikationen, wie ein Herr, der einem seinen angekreuzten Wahlschein zeigen wollte, um zu wissen, ob er alles richtig gemacht hat. Oder ein junger Mann, der seine Wahlbenachrichtigung verlegt hat, und nicht wusste, in welchem Wahllokal er wählen darf. Auch gibt es immer mal welche, die bei ihren Bekannten mit in die Wahlkabine wollen.

Doch am meisten erstaunt hat mich an dem Tag, dass in Chemnitz die Wahlbeteiligung bei über 75% lag, was doch ein deutlicher Zugewinn zur letzten Bundestagswahl 2013 ist, denn da lag sie bei ca. 67%. (http://www.chemnitz.de/chemnitz/de/buerger-rathaus/wahlen/wahlen_2013/bundestagswahl/index.html) Das gibt einem jedenfalls die Hoffnung, dass die Politikverdrossenheit der Chemnitzer in den vergangenen Jahren abgebaut wurde.

Doch schlägt die gute Stimmung sofort in Missmut um, wenn man sich die Ergebnisse anguckt.

Dann mal auf eine gute, zufriedenstellende 19. Legislaturperiode und bis in vier Jahren, vielleicht konnte ich euch ja auch ehrenamtliches Engagement im Allgemeinen schmackhaft machen, oder auch nur das Wahlhelferamt.

 

Eintrag von Natalie, Bachelorstudium Soziologie, 27.09.2017

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