Forschungspraxis hautnah

Im Austausch (Fotograf: Steve Conrad)

Als Soziologie-Studierende/r bekommt man seit dem ersten Semester ständig Methodenlehre eingebläut. Hauptsächlich quantitative Forschungsmethoden, die mit einer Hypothesenbildung beginnen, woraus dann ein standardisierter Fragebogen konstruiert wird, dessen erhobene Daten anschließend durch ein Statistikprogramm gejagt und schließlich interpretiert werden.
Die qualitativen Forschungsmethoden, sprich nicht standardisierte Daten, werden dagegen bei dem Institut für Soziologie an der TU Chemnitz nicht ganz so intensiv behandelt, was nicht heißt, dass sie vernachlässigt werden.

Ganz im Gegenteil. Anfang dieses Semesters bekam ich über den Instituts-Newsletter eine Mail einer Dozentin. Gesucht wurden Studierende für die Arbeitsgruppe-Ost/West, in welcher die Diskussion über die ostdeutsche Identifikation auch noch fast 30 Jahre nach der Wende angeregt werden sollte.
Jeder, der Interesse hatte (auch Studierende anderer Studiengänge und Fakultäten), durfte teilnehmen. Nach anfänglichen Diskussionen, die teils recht zurückhaltend verliefen, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass man sich am Anfang noch nicht kannte und erst einmal Zeit zum Kennenlernen brauchte) gingen wir also in den Theorie-Teil über. Relevante Literatur wurde auf der Online-Plattform Opal hochgeladen, sodass wir diese Zuhause durchgehen und Notizen machen konnten.
In den regelmäßigen Treffen (einmal aller paar Wochen) wurde die ostdeutsche Identifikation dann von verschiedenen Seiten betrachtet und eine Hypothese wurde gebildet. Die nächste „Hausaufgabe“ war somit, sich Ideen für ein Interview, genauer gesagt ein Leitfaden-Interview, aufzuschreiben. Dazu wurde uns erneut Literatur bereitgestellt, um zu erfahren, worauf wir genau achten müssen. Danach haben wir alle gemeinsam eine Vorgehensweise erarbeitet und Schritt für Schritt einen Leitfaden erstellt.
Um die Leistungsfähigkeit unseres Interviews zu überprüfen, haben wir einen Pretest mit Bekannten durchgeführt, wo jeder ein Interview geführt hat. Aus diesen Ergebnissen konnten wir so noch einmal unser Interview überarbeiten, bevor es richtig ins Feld ging.
Für die Datenerhebung haben wir es so aufgeteilt, dass jeder Teilnehmer zwei bis drei Leute verschiedenen Geschlechts und Alters (für unsere Fragestellung, was sich hinter dem Begriff „ostdeutsch“ verbirgt, war für uns das Alter 20 bis 60 Jahre relevant) befragt, damit wir nicht ungewollt bestimmte Gruppen ausschließen. Über die Weihnachtsferien durften wir also jeder ein paar im Osten Deutschlands geborene Personen interviewen und dies mit einem Aufnahmegerät aufzeichnen, um alles später einfacher transkribieren zu können.
Vor dem Interviewen sollte man stets darauf achten, seine Arbeitsgruppe und sein Vorhaben kurz (!) vorzustellen, dem Interviewpartner Anonymität und eine vertrauliche Datennutzung zuzusichern und ihn fragen, ob er mit der Tonaufzeichnung einverstanden ist. Nach dem Interview wird noch nach den soziodemographischen Daten wie Alter, Geschlecht, Beruf gefragt.
Die Tonaufzeichnung muss anschließend transkribiert werden, wobei Pausen, Lachen, Textüberschneidungen sowie alle „Äh“s und „Mh“s genauestens dokumentiert werden, damit die Kommilitonen später einen Eindruck vom Interview bekommen können, ohne selbst daran teilgenommen oder es angehört zu haben.
Die Transkripte hat dann jeder auf Opal hochgeladen und beim nächsten Treffen ging es an die Interpretation. Um einen Einblick zu gewinnen haben wir einen Auszug aus Lamnek/Krell 2016: Qualitative Sozialforschung gelesen.
Danach wurde für die Einzelanalyse jedes Interview durchgegangen und wir haben die zentralen Aussagen und ihre Bedeutung im Hinblick auf unser Thema davon abgeleitet.
Die ausgewerteten Interviews sollen demnächst in einen Forschungsbericht eingebettet werden und die qualitativen Interviews könnten auch als Grundlage für eine weiterführende quantitative Studie mit höherer Fallzahl verwendet werden.

Ich kann also jedem nur empfehlen, so er denn die Chance dazu bekommt, an einem solchen Projekt mitzuwirken, um neben der Theorievermittlung im Studium auch die ein oder andere wissenschaftliche Forschung anzugehen, um sowohl seine Hard als auch Soft Skills in Teamarbeit weiterzuentwickeln und dabei auch von den Erfahrungen der älteren Semester profitieren zu können.

 

Eintrag von Natalie, Bachelorstudium Soziologie, 30.01.2018

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