Lokale Rezeptivität erkennen und nutzen

Städte und Gemeinden sind die Orte, in denen die Aufnahme und Integration von Geflüchteten in der Praxis stattfindet. Welche Ressourcen sind wichtig, um diese Aufgabe erfolgreich zu gestalten, und inwiefern unterscheiden sich Integrationserfahrungen auf lokaler Ebene? In diesem Beitrag wird entlang des Begriffs der „Rezeptivität“ und auf der Basis vergleichender Forschung zur Flüchtlingsaufnahme in Kommunen erläutert, welche Faktoren maßgeblich für eine gelingende Integration sind.

Lokale Rezeptivität

Für die Betrachtung der Aufnahmefähigkeit von Städten und Gemeinden bietet sich der Begriff der Rezeptivität an. Denn während der im Alltagsdiskurs überwiegend verwendete Integrationsbegriff vor allem die Anpassungsleistung von Zugewanderten adressiert, lenkt Rezeptivität den Blick auf die lokalen Gegebenheiten, die die Grundlage für das Ankommen, Einleben und Einbringen von Zugewanderten darstellen. Lokale Rezeptivität setzt sich aus drei Elementen zusammen:

Räumliche und infrastrukturelle Ressourcen

Welche strukturellen Merkmale weist eine Gemeinde auf? Wie gut ist eine Gemeinde ausgestattet im Bereich Wohnen und Arbeitsmöglichkeiten, Schulen und Kindertagesstätten, Vereinen und Kultureinrichtungen sowie beim Angebot des öffentlichen Nahverkehrs?

Lokale Politikgestaltung

Welche Akteur:innen bestimmen das politische Leben vor Ort, und auf welche Weise werden Handlungsstrategien entwickelt, um Herausforderungen auf kommunaler Ebene anzugehen?

Gesellschaftliches Klima

Wie lässt sich die lokale Gemeinschaft charakterisieren? Verfügt sie über Mechanismen, sozialen Zusammenhalt herzustellen? Welche Erfahrungen hat sie mit dem Zusammenleben in Diversität? Wie ist das grundsätzliche gesellschaftliche Klima?

Dabei ist nicht nur die pure Existenz dieser Ressourcen von Bedeutung, sondern sie müssen auch aktiv zum Einsatz gebracht werden, um teilhabeorientierte Integrationsprozesse zu gestalten.

Ein Idealtypus von lokaler Rezeptivität:

Das politische Oberhaupt der Gemeinde wirbt öffentlich dafür, die humanitäre Aufnahme proaktiv anzugehen. Lokale Akteure bilden ein Netzwerk und handeln aufeinander abgestimmt. Institutionelle Akteure und ehrenamtliche Helfer:innen entwickeln teilhabeorientierte Angebote. Angestellte der Gemeinde und sozialer Träger werben Fördermittel ein, um Maßnahmen zur Integration und Teilhabe, aber auch zur Förderung von Diversitätskompetenz umzusetzen. Lokale Arbeitsmarktakteure erkennen die Potenziale der Geflüchteten und schließen sich dem Integrationsnetzwerk an, um passgenaue Fördermaßnahmen für die Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten zu entwickeln.

Positive Rezeptivität in der Praxis

So kann die Ressourcenverwendung im Sinne lokaler Rezeptivität konkret aussehen:

Infrastrukturen für Ankommen und Teilhabe

  • Die Kapazitäten der kommunalen Wohnungsgesellschaft werden für die dezentrale Unterbringung von Geflüchteten genutzt. Dabei wird auf eine ausgewogene Verteilung im Bestand geachtet. Ein Mitarbeiter des Unternehmens begleitet den Einzug der Geflüchteten und vermittelt bei Problemen.
  • Die lokale Kita bewirbt sich um Fördermittel zur sprachlichen Förderung. Auf diese Weise gewinnt sie weiteres Fachpersonal und kann ihre Kompetenzen in der frühkindlichen Sprachförderung ausbauen. Davon profitieren alle Kinder, die die Kita besuchen.
  • Akteure aus dem Bereich Bildung und Arbeitsvermittlung sehen den Mehrwert der Flüchtlingsansiedlung als Arbeitskräftepotenzial für lokale Unternehmen.

Mit der Beantragung 2015 und der Genehmigung 2016 als Sprachkita, das hat WUNDERBAR gepasst. Zum einen durch die halbe Stelle mehr, die wir über das Projekt haben, so dass doch nochmal mehr ein bisschen Luft ist von der Kollegin, auf besondere Bedürfnisse einzugehen. Das betrifft ja nicht bloß unsere Integrationskinder, die wir eh schon haben, sondern eben auch die Kinder, die einen anderen sprachlichen Hintergrund haben. (Kita-Leiterin, Sachsen)
 

Lokale Politikgestaltung

  • Lokale Akteure nehmen die humanitäre Verpflichtung zur Flüchtlingsaufnahme als gemeinsame Aufgabe an und bilden ein lokales Netzwerk.
  • Nicht alle Bewohner:innen der Gemeinde stehen der Flüchtlingsaufnahme positiv gegenüber, aber der Bürgermeister gestaltet die Kommunikation von Anfang an transparent und bleibt ansprechbar für Ängste und Bedenken der Bürger:innen.
  • Positive Integrationsergebnisse werden aktiv berichtet und medial verbreitet.

So eine positive Mitteilung, wie ich sie jetzt im Januar bei meinen Bürgerversammlungen gemacht habe, dass ich sage, alle geflohenen Familienväter gehen einer Beschäftigung nach. Das ist eine ganz wichtige Aussage. Die liegen nicht nur auf der Tasche, um einfach dieses mögliche Zerrbild dann auch gleich von Anfang an zu zerstreuen. So was ist wichtig, das muss bekannt werden. (Bürgermeister, Niedersachsen)
 

Gesellschaftliches Klima

  • Alltägliche Begegnungsmöglichkeiten zwischen Einheimischen und Geflüchteten helfen dabei, Ängste und Vorurteile abzubauen.
  • Ehrenamtliches Engagement unterstützt die Integration von Geflüchteten, sorgt für alltägliche Begegnung und hat auch einen Multiplikatoreffekt in die passiven Teile der Bevölkerung.
  • Geflüchtete werden als Bestandteil einer gemeinsamen positiven Zukunftsgestaltung der Gemeinde betrachtet.

Das Factsheet ‚Lokale Rezeptivität erkennen und nutzen‘ von Birgit Glorius ist in der Reihe Forschung:Praktisch der Professur für Humangeographie mit dem Schwerpunkt Europäische Migrationsforschung der TU Chemnitz unter der offenen Lizenz CC BY-ND 4.0 veröffentlicht.
Das kostenlose PDF kann hier heruntergeladen werden:#7 Forschungpraktisch-Rezeptivität
Die Forschung hinter den Empfehlungen
Seit 2016 arbeitet das Team um Prof. Dr. Birgit Glorius zu Ankunftsprozessen von Geflüchteten, insbesondere abseits der Metropolen. Dabei verwenden wir qualitative Methoden wie Interviews, Beobachtungen, Fokusgruppendiskussionen und Mappings, sowie quantitative Umfragen. Detaillierte Informationen über die Forschungsprojekte finden Sie hier auf unserer Website: https://mytuc.org/ysmj
Impressum: Technische Universität Chemnitz, Professur für Humangeographie und europäische Migrationsforschung.
Autor:innen: Birgit Glorius, Februar 2026.
Zitiervorschlag: Glorius, B. (2026): „Lokale Rezeptivität erkennen und nutzen“. Forschung:Praktisch. Flucht & Ankommen. 07|2026. Chemnitz: Technische Universität Chemnitz. https://doi.org/10.59350/4fwn5-rc070

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