Seit den 1980er Jahren beschäftigt sich die Atomsemiotik mit der Frage, wie radioaktive Abfälle so gekennzeichnet werden können, dass Menschen in fernster Zukunft die Warnung vor dem strahlenden Material verstehen. Dabei besteht die zentrale Herausforderung darin, herauszufinden, welche Zeichensysteme, Materialien und Institutionen Wissen über so eine lange Zeit konservieren und eine Botschaft für künftige Generationen verständlich machen können. Denn die Halbwertszeit von radioaktiven Stoffen kann tausende oder Millionen Jahre lang sein. In so langer Zeit wird es die uns bekannten Schriftsysteme, Staaten und Kulturen vermutlich nicht mehr geben.
Die Fachdisziplin hat ihren Ursprung in den USA, wo der von der Regierung beauftragte Bechtel-Konzern die sogenannte Human Interference Task Force einberief. Diese interdisziplinäre Arbeitsgruppe suchte nach Möglichkeiten, Atommülllager mit dauerhaften Warnsystemen auszustatten – und zog dafür den Semiotiker Thomas Sebeok hinzu.
Eine seiner Ideen hat Rolf Sakulowski in dem Roman Die Atompriester verarbeitet: Der Thriller behandelt Sebeoks Vorschlag, eine quasi-religiöse Kaste zu etablieren, welche das Wissen um den Atommüll hüten soll. Durch die Bildung von Mythen könnte eine solche Gruppe zukünftige Generationen von diesem fernhalten.
Für seine Recherche nutzte Sakulowski auch Materialien aus dem Semiotikarchiv Chemnitz. Anlässlich der Abendveranstaltung mit Lesung, Vorträgen und Podiumsdiskussion am 12.12.2025 stellen wir in diesem Beitrag den atomsemiotischen Bestand aus unserem Archiv vor.
Im deutschsprachigen Raum wurde die Atomsemiotik durch Roland Posner etabliert. Das Semiotikarchiv beinhaltet zahlreiche Unterlagen aus seinem Nachlass zu dem Thema. In den Jahren 1982/83 führte Posner mit der Zeitschrift für Semiotik eine Umfrage zu den Möglichkeiten der Kommunikation über einen Zeitraum von
10 000 Jahren durch. Die Ergebnisse veröffentlichte er 1984 in einem gesonderten Themenheft. Neben einem Beitrag zur „Atompriesterschaft“ von Thomas Sebeok werden darin auch andere Ideen vorgestellt. Hierzu gehört unter anderem die Errichtung eines künstlichen Mondes am Himmel oder einer unterirdischen Datenbank, in welchen die Informationen für nachfolgende Zivilisationen gespeichert würden. Auch die Züchtung und Auswilderung genetisch manipulierter Strahlenkatzen, die sich bei erhöhter Strahlung verfärben und somit vor dieser warnen, wurde vorgeschlagen – diese skurrile Idee wurde später wieder aufgegriffen und in Popsongs und als Meme weiterverbreitet. Die oben genannte Umfrage sowie die mittlerweile vergriffene Ausgabe der Zeitschrift für Semiotik können auch heute im Semiotikarchiv eingesehen werden.
Die Kulturwissenschaftlerin und Semiotikerin Susanne Hauser hat eine neue Auflage des Themenhefts herausgegeben. Ihr Vor- und Nachwort, worin sie die Entwicklungen der Atomsemiotik seit den bahnbrechenden ersten Veröffentlichungen der 1980er Jahre fundiert nachzeichnet, sind online als Open-Access-Publikationen verfügbar: https://www.bibliothek.tu-chemnitz.de/ojs/index.php/Semiotik/issue/view/81
Auch der Sammelband Warnungen an die ferne Zukunft, herausgegeben im Jahr 1990 von Roland Posner, befindet sich im Archivbestand. Weitere spannende Einsichten in Posners Arbeit zur Atomsemiotik bieten einzelne Artikel und Sonderdrucke, welche seine Vision von einem „Zukunftsrat“ behandeln. Eine solche Gruppe wäre für die kontinuierliche Warnung vor Atommüll und die Wartung von Atommülllagern zuständig. Im Gegensatz zu einer „Atompriesterschaft“ würde der von Posner vorgeschlagene „Zukunftsrat“ aus demokratisch gewählten Abgeordneten bestehen und als eine dritte Kammer neben Bundestag und Bundesrat fungieren.
Posner hat zahlreiche Interviews zur Atomsemiotik gegeben, sodass das Semiotikarchiv über eine Sammlung von Manuskripten, handschriftlichen Notizen und Korrespondenzen zu diversen Beiträgen verfügt. Außerdem befinden sich im Semiotikarchiv eine beträchtliche Anzahl von Zeitungsausschnitten und Flyern zur Atomkraft und deren Gefahren, zum Rückbau von Atomkraftwerken und zur Atomsemiotik im engeren Sinne – also dem spezifischen Problem der zuverlässigen Kommunikation von Endlagerstätten über Zehntausende von Jahren – zusammengetragen, welche sich nun im Semiotikarchiv befinden.
Wir hoffen, mit diesem kurzen Einblick in unseren Archivbestand Ihre Neugier geweckt zu haben. Wenn Sie Fragen zu den Materialien haben oder diese persönlich einsehen möchten, kontaktieren Sie uns gerne per E-Mail unter sekretariat.efricke@phil.tu-chemnitz.de. Wir heißen alle Interessierten herzlich willkommen! (Termine zur Archivnutzung nach individueller Vereinbarung per E-Mail.)
Alle wichtigen Informationen zu der Veranstaltung mit Susanne Hauser und Rolf Sakulowski am 12.12.2025 um 17.00 Uhr im IdeenReich der Universitätsbibliothek Chemnitz finden Sie unter https://www.tu-chemnitz.de/tu/pressestelle/aktuell/13254.
Weiterführende Literatur
Hauser, Susanne (ed.) (2021). Und in alle Ewigkeit … Kommunikation über 10000 Jahre.
Zeitschrift für Semiotik 43, 3-4.
Posner, Roland (ed.) (1984). Und in alle Ewigkeit … Kommunikation über 10000 Jahre.
Zeitschrift für Semiotik 6, 3.
Posner, Roland (ed.) (1990). Warnungen an die ferne Zukunft. Atommüll als Kommu-
nikationsproblem. München: Raben Verlag.
Sakulowski, Rolf (2025). Die Atompriester. Köln: Emons Verlag.

