LiT.Vortrag – „Warum besuchen Studierende immer seltener Vorlesungen?“

(Bildquelle © Ulrike Rada)

Ein Kommentar von Sophie Reißner (Masterstudentin der TU Chemnitz)

Im Rahmen eines LiT.Vortrages des am Prorektorat für Lehre und Internationales angesiedelten Projektes Lehrpraxis im Transfer plus  referierte Dr. René Bochmann am 06. 06. 2019 über seine, im Zuge der Begleitforschung des Qualitätspaktes Lehre entstandene, Promotionsarbeit. Im Zentrum stand die Frage, „Warum besuchen Studierende immer seltener Vorlesungen?“, welcher gemeinsam mit 60 anderen Lehrenden und Beratern der TU Chemnitz nachgegangen wurde. Dabei ging es am Ende nicht nur um Studierende, sondern auch um die altbekannten Probleme der Drittelmittelfinanzierung, Fluktuation von Lehrenden an den einzelnen Professuren und der Frage, in wie weit das Humboldt’schen Universitätsideal noch umsetzbar ist.

Gute Lehre als Sisyphosaufgabe

„Vorträge vom Dozenten“, „online verfügbare Skripte“ und „Referate“: Das ist der Methodenkatalog den, nach Bochmann, die meisten Lehrenden an deutschen Hochschulen nutzen. Das klingt wenig abwechslungsreich und das sehen auch die Studierenden so: über 80 Prozent wünschen sich unterhaltsamere Vorlesungen. Daher ist diese Form der Veranstaltung die am wenigsten besuchte, macht aber gleichzeitig den Großteil, vor allem von Bachelor-Studiengängen, aus. Mit Hilfe von ausführlichen Skripten auf Lernplattformen wie OPAL, die teilweise 1:1 in der Vorlesung „vorgelesen“ werden, bekommen die Studierenden die Möglichkeit mit guten Ergebnissen zu bestehen, ohne auch nur ein Wort mit dem Lehrenden gewechselt zu haben oder gar zu wissen, wie dieser überhaupt aussieht.

Scheinbar ist man, so Bochmann, als Lehrender an der Universität mittlerweile lediglich dafür zuständig, ausführliche Skripte hochzuladen, mit denen sich jede Prüfungsart einfach bestehen lässt. Gleichzeitig besteht jedoch auch der Wunsch einer Beteiligung der Studierenden in der Lehrveranstaltung und der Anspruch an entsprechend gestaltete Lehre der Dozierenden. Vor allem mit neuen digitalen Möglichkeiten sollen Methoden entwickelt und umgesetzt werden, um die Lehre effizienter und abwechslungsreicher zu machen. Das spiegelt sich nicht zuletzt in vielen landes- und bundesweiten Förderprogrammen zur Weiterentwicklung von digitaler Lehre wider. Studierende zu motivieren, ist also mehr denn je an der Tagesordnung und wird zur nervenaufreibenden Sisyphosaufgabe. Dabei decken sich die Erwartungen an eine interessante Vorlesung auf beiden Seiten: sowohl Lehrende als auch Studierende erwarten voneinander gute Vorbereitung, gegenseitigen Respekt und vor allem Begeisterung für das Forschungsthema.

Das alte Leid: der Bolonga-Prozess

Ausgebremst werden diese Vorhaben – das wurde während der Diskussionen mit Bochmann immer deutlicher – durch politische und universitäre Rahmenbedingungen. Durch die europaweite Hochschulreform, die zur Jahrtausendwende die Studienstrukturen modernisieren sollte, leidet nicht nur die Wissenschaftlichkeit des Studiums unter den verschulten Bachelor- und Master-Systemen. Auch die Lehrenden sind durch permanente Drittmittelanträge und befristete Stellen unter Druck gesetzt und haben teilweise kaum Zeit für gute Lehre und noch weniger für gute Forschung. „Weiterbildungen im Bereich Lehre verpflichten und in den Beruf integrieren!“ wäre nur eine der vielen Forderungen von Seiten der Lehrenden, die immer zwischen den drei Bereichen abwägen müssen: Schreibe ich jetzt erst einmal den Drittmittelantrag? Besuche ich noch den zusätzlichen Workshop, um meine pädagogischen Methoden zu erweitern? Wann werde ich wieder am Forschungsprojekt weiter arbeiten können?

Der Lehrende soll Berater sein, kein Erzieher

(Bildquelle: © Janine Funke)

Zwar verlangen die immer jünger werdenden Studierenden und das modularisierte Studiensystem nach neuer Lehrpraxis, aber diese darf nicht Gefahr laufen, das Studienniveau weiter zu senken oder den Lehrenden gar als verlängerten Arm des Gymnasiallehrers zu nutzen. Studierende müssen lernen, selbstständig zu sein und aus eigener Disziplin ihr Studium zu verfolgen. Ideen wie Anwesenheitspflichten wirken hier kontraproduktiv, obwohl sie zunächst als schnelle Lösung für die geschwänzten Vorlesungen gelten. Die Universität muss Freiheiten gewähren, sowohl für Studierende als auch für Lehrende. Das bedeutet nicht nur für Studierende, angstfrei Veranstaltungen schwänzen zu dürfen, als auch für Lehrende eher als Coach und Berater zur Seite zu stehen. Wichtig ist vor allem, die Studierenden zu unterstützen, Motivation zu entwickeln, klare Ziele zu formulieren und selbstständig zu verfolgen. Denn die Unsicherheit junger Menschen in Hinblick auf ihr Selbst- und Zukunftsbild ist mehr denn je in unserer modernen Welt gestiegen. Diese Unsicherheit gilt es als Lehrender zu verstehen, um gemeinsam mit Studierenden an Motivationsproblemen zu arbeiten, damit die Vorlesungssäle bald wieder gefüllt sind und sich trotz Bolonga wieder gut studieren, lehren und forschen lässt.

Weitere Informationen zur Begleitforschung des Qualitätspakts Lehre:

Uni aktuell“-Meldung (17.04.2019)

„Uni aktuell“-Meldung (29.05.2019)

Video-Clip auf dem YouTube-Kanal der TU Chemnitz

 

 

 

 

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