Fragen Sie sich in alten Gebäuden auch manchmal, was sich innerhalb der Mauern wohl alles zugetragen hat?
Dieser Gedanke beschäftigt uns auch gelegentlich, besonders wenn wir durch die Räume der „Alten Aktienspinnerei“ gehen. Seit fünfeinhalb Jahren beherbergt das Gebäude an der Straße der Nationen 33 die Universitätsbibliothek, und auch wenn wir aus dieser Zeit schon viele amüsante und kuriose Geschichten erzählen können, ist dies nur ein Bruchteil der Geschehnisse, denen die Mauern des Hauses als stumme Beobachter beiwohnten.
Die Aktienspinnerei entstand zwischen 1857 und 1859 infolge der Gründung einer Aktiengesellschaft als damals größte Spinnerei Sachsens mit etwa 60.000 Spindeln. Der Betrieb wurde allerdings sukzessive ab 1897 nach Altchemnitz verlagert und das Areal mit den darauf befindlichen Gebäuden an die Stadt Chemnitz verkauft. Zwischen der Nutzung als Spinnerei und der als Bibliothek erfüllte das Gebäude viele andere Funktionen, zum Beispiel als Quartier für das Figurentheater, die Kfz-Werkstatt des VEB Kraftverkehr Karl-Marx-Stadt, die Stadtbibliothek oder das Wismut-Kaufhaus „Glück Auf“. Leider können uns die Mauern nicht selbst von ihren Erlebnissen berichten, aber glücklicherweise gibt es Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die uns spannende Einblicke in vergangene Zeiten gewähren können.
Um die Geschichten rund um die „Alte Aktienspinnerei“ ans Licht zu bringen und auch für spätere Generationen zu bewahren, wurde im Jahr 2025 das Projekt „Fäden der Erinnerung“ unter Federführung der Universitätsbibliothek in Kooperation mit der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz gGmbH und der Chemnitzer Filmwerkstatt ins Leben gerufen. Im Rahmen des Projektes führte Heidi Hupfer Gespräche mit Personen, die eine ganz persönliche Geschichte mit dem Haus verbindet. Aufgrund der vielfältigen Eindrücke konnten verschiedene Kapitel der Gebäudehistorie beleuchtet werden: von Aufführungen in der Puppenbühne, Anekdoten aus der Inspektionshalle des Kraftverkehrs, Berichten von unerwünschten Bewohnern in den Zettelkatalogen der Stadtbibliothek, abenteuerlichen Erlebnissen im Alltag des Wismut-Kaufhauses bis hin zu historischen Funden beim Umbau zur Universitätsbibliothek mit angeschlossenem Universitätsarchiv. Dank des Teams der Chemnitzer Filmwerkstatt entstanden aus diesen spannenden Erzählungen bisher insgesamt elf Videos, welche Sie entweder über unsere Webseite oder direkt auf unserem YouTube-Kanal anschauen können.
Wer in den letzten Wochen aufmerksam durch die Universitätsbibliothek gegangen ist, hat vielleicht das ein oder andere kleine Holzmodell des Gebäudes in den Bücherregalen entdeckt. Die Modelle wurden von Dipl.-Ing. Karsten Gerlach der Professur für Montage- und Handhabungstechnik erstellt und repräsentieren jeweils die Erinnerungen einer interviewten Person. Jedes Häuschen wurde an der Stelle im Gebäude platziert, an der die entsprechende Einrichtung damals verortet war. Auf der Oberseite ist je ein QR-Code abgebildet, der Sie direkt zum passenden Interview auf unserer Webseite führt.
An dieser Stelle möchten wir uns auch noch einmal bei allen Beteiligten für ihren wertvollen Beitrag vor und hinter der Kamera bedanken.
Am 30.03.2026 präsentierte das Projektteam die bis dato erstellten Ergebnisse im IdeenReich der Universitätsbibliothek. Hierbei wurde zunächst ein Zusammenschnitt der entstandenen Videos gezeigt, um dem Publikum einen kleinen Vorgeschmack auf die festgehaltenen Geschichten zu bieten. Im Anschluss gab es die Möglichkeit, in einer offenen Gesprächsrunde von eigenen Erlebnissen in Verbindung mit der „Alten Aktienspinnerei“ zu berichten. Es war wirklich spannend, von wie vielen weiteren Ereignissen erzählt wurde.
Eine Dame erinnerte sich an einen Besuch mit ihrem Sohn im Figurentheater, bei dem sie die Puppen und die Spielkunst faszinierten. Anscheinend war sie nicht die einzige Erwachsene im Raum, der es so erging, denn die Eltern schienen von der Aufführung begeisterter gewesen zu sein als die Kinder. Aber die Puppenbühne ruft nicht bei jedem Menschen so freudige Erinnerungen hervor, da sie zu DDR-Zeiten der Sammelpunkt für alle zum Wehrdienst einberufenen Männer war, bevor anschließend zur Reichsbahn am Bahnhof marschiert wurde.
Im Publikum waren auch Bibliothekarinnen der Stadtbibliothek, die von einigen außergewöhnlichen Erlebnissen berichteten. Sie erzählten unter anderem vom Auftakt in die digitale Epoche, der aber nicht wie geplant mit funktionierenden Computern, sondern mit einem Stromausfall im gesamten Gebäude begann. Als Anfang der 1990er-Jahre alles für die Arbeit mit technischen Geräten umgerüstet wurde, erfolgte auch die Aufstellung von Computern, sowohl für das Personal als auch für die Nutzenden. Nachdem alle erforderlichen Arbeiten abgeschlossen waren, sollte diese Premiere gebührend zelebriert werden. Die Mitarbeitenden bereiteten hierzu Kaffee und Kuchen für alle Besucherinnen und Besucher vor, doch als die Bibliothek um zehn Uhr öffnete, war es zunächst zappenduster im gesamten Gebäude. Was keiner ahnte war, dass die elektrische Anlage des Hauses mit der plötzlichen Last durch die angeschalteten Computer und den Stromverbrauch der ganzen Kaffeemaschinen überfordert war. Die Besucherinnen und Besucher sahen dies aber glücklicherweise ganz entspannt und so ist dieser Umstieg in die digitale Welt bis heute sehr lebhaft in Erinnerung geblieben.
Auch andere technische Geräte im Haus waren dem Personal anscheinend nicht wohlgesinnt, da zum Beispiel auch der Fahrstuhl zeitweise streikte. Einmal ist eine Bibliothekarin mit einem Herren im Aufzug stecken geblieben, der die Situation aber mit Humor nahm. Er fragte, ob sie schon den Film „Abwärts“ gesehen hätte, in welchem die Seile eines Fahrstuhls langsam reißen und dieser daraufhin in die Tiefe stürzt. Nach diesem scherzhaften Kommentar kam ihr jedes Knarren noch ungeheuerlicher vor und ihr fiel wahrlich ein Stein vom Herzen, als sie nach zwei Stunden endlich den Fahrstuhl verlassen konnte.
Die Chemnitzer Volksbühne reiht sich ebenfalls in die Liste der Institutionen ein, die vorübergehend in der „Alten Aktienspinnerei“ angesiedelt waren. Im Haus war nicht nur die Geschäftsstelle untergebracht, sondern auch einige Zuschauerräume, in denen bis zu 600 Gäste Platz fanden. Die Städtischen Theater Chemnitz nutzen das Gebäude als Interimsstandort ihrer Theaterwerkstätten. In diesen wurden große Bühnenkulissen gefertigt, welche anschließend in einem offenen Wagen und nur bei schönem Wetter ins Opernhaus transportiert werden konnten, da sonst die Farbe abgewaschen worden wäre.
In der letzten Wortmeldung wurde von einer Dame erzählt, die in der Weihnachtszeit ein Set Christbaumkugeln im Wismut-Kaufhaus für nur 1,60 Mark ergatterte. Sie war richtig glücklich über ihren wertvollen Fund und trug die Schachtel den ganzen Heimweg lang ganz bedächtig, sodass der fragile Inhalt nicht kaputt ging. Da die Straßen an diesem Tag sehr glatt waren, ermahnte sie sich die ganze Zeit lang in Gedanken, ja nicht auszurutschen oder hinzufallen. Aber wenn man etwas unbedingt verhindern will, passiert es manchmal leider doch, und so stürzte sie auf den Gehweg. Die Dame brach sich dabei etwas, doch das war für sie nicht weiter tragisch, weil die Kugeln den Sturz unbeschadet überstanden hatten. Auch heute noch schmücken sie jedes Jahr ihren Weihnachtsbaum.
Es ist wirklich faszinierend, was die Mauern der „Alten Aktienspinnerei“ schon alles miterlebt haben – von großen Premieren, hin zu kleinen Freuden und alltäglichen Herausforderungen. Das Projekt führt die einzelnen Fäden der Erinnerung zu einem großen Gesamtbild der Gebäudehistorie zusammen, das sich aus vielen verschiedenen Farbschattierungen und Mustern zusammensetzt.
Haben Sie auch eine Geschichte, die Sie teilen möchten? Falls die Kamera für Sie ein Hindernis darstellen sollte: Keine Angst, Ihre Erinnerungen können auch gern in anderer Form festgehalten werden. Wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen möchten oder Fragen zum Projekt haben, melden Sie sich gern bei unserem Projektteam unter der folgenden Mailadresse: spinnerei@bibliothek.tu-chemnitz.de






