Repräsentativität als Schlüssel zum Erfolg der AfD?

Repräsentativität – Der Schlüssel zum Erfolg der Brandenburger AfD bei den Wahlen 2019?

Nach der Europawahl: Die AfD wird Wahlsiegerin in Brandenburg 

Mit der Wahl zum Europaparlament 2019 wurde die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) erstmals die stärkste Kraft in zwei deutschen Bundesländern. So konnte sie in Sachsen und Brandenburg die meisten Stimmen auf sich vereinigen. In letzterem Land kam sie auf ein Wahlergebnis von 19,9%. Parteien am rechten Rand einen zwar dieselben Thematiken wie Rückbesinnung auf den Nationalstaat, Ablehnung der politischen Eliten und Forderungen nach der Begrenzung der Einwanderung, doch über die Gründe für den (europaweiten) Erfolg ist sich die Forschung uneinig. Anhand des Beispiels Brandenburg untersuchen wir den Einfluss der Repräsentativität auf den Wahlerfolg der AfD. 

Auf der Suche nach den Ursachen 

In unserer Untersuchung analysieren wir, wie die Bevölkerung sozial strukturiert ist und ob die Kandidierendenliste der AfD zur Landtagswahl 2019 die Wahlberechtigten hinsichtlich ausgewählter Indikatoren repräsentiert. Anschließend gehen wir der Frage nach, ob die Repräsentativität der Kandidat*innen der AfD einen Einfluss auf den Stimmanteil ihrer Partei nimmt.

Hierfür nutzen wir die Wahlergebnisse der Europawahl, da zu Beginn dieser Arbeit die nur drei Monate später stattfindende Landtagswahl noch ausstand, erstere aufgrund der zeitlichen Nähe dennoch einen Einblick in die Stimmungslage des Landes gibt.

Das Untersuchungsgebiet Brandenburg ist aufgrund seiner politischen Kontraste besonders spannend: Die regionalen Unterschiede im Wahlverhalten der Bevölkerung sind teilweise enorm, die Metropole Berlin übt einen großen Einfluss auf die angrenzenden Regionen aus und der AfD-Landesverband gilt als einer der radikalsten in Deutschland. 

Cluster- und Regressionsanalyse als Grundlage unserer Forschung 

Zur Beantwortung unserer umfangreichen Forschungsfrage sind wir in drei Schritten vorgegangen:

Durch die Erhebung von acht horizontalen und vertikalen sozialstrukturellen Merkmalen, konnte die Brandenburger Bevölkerung in drei Cluster gruppiert werden. Anschließend wurden jene acht Merkmale, soweit dies aus öffentlichen Quellen möglich war, für alle der 36 AfD-Kandidierenden erhoben und mit den Daten der drei Cluster verglichen.

Im Cluster mit der größten Übereinstimmung wurde eine multiple lineare Regressionsanalyse durchgeführt, um zu untersuchen, ob es einen signifikanten Zusammenhang zwischen den annähernd kongruenten Variablen innerhalb der Landesliste und Bevölkerung auf der einen Seite und dem AfD-Stimmenanteil auf der anderen Seite gibt. 

Polarisiertes Bundesland und Rechtspopulist*innen mit bürgerlichem Anstrich

Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass das Land Brandenburg kontrastreich und polarisiert ist und die Repräsentation der Einwohner*innen für den Wahlerfolg der AfD nur eine untergeordnete Rolle spielt. Zunächst ist festzuhalten, dass die Bevölkerung in drei Cluster unterteilt werden kann, welche sich hinsichtlich sozialstruktureller Merkmale ähneln. Dabei kann zwischen einem urban geprägten Cluster mit überwiegend positiven Strukturdaten, einem prosperierenden Cluster im suburbanen Raum mit unmittelbarer Nähe zu Berlin und einem strukturschwachen Cluster in der Peripherie des Landes unterschieden werden.

Die AfD-Landesliste besitzt mit dem zweiten “Speckgürtelcluster” die höchste Übereinstimmung. Dies überrascht: Zeigt es doch zum einen den recht bürgerlichen Hintergrund eines Landesverbandes, der sich teilweise im rechtsextremen Milieu bewegt (vgl. Ayyadi 2019), zum anderen, wie weit weg die AfD von ihrem selbst gepflegten Bild als “Partei der kleinen Leute” (Gauland 2015, zitiert nach Geis 2015) ist. Innerhalb dieses Clusters ergab die Regressionsanalyse zwischen den übereinstimmenden und damit repräsentativen Variablen und dem Abschneiden der AfD bei der Europawahl keinen signifikanten Zusammenhang. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Repräsentationsfähigkeit keinen Einfluss auf den Wahlerfolg hatte.

Reflektion der eigenen Ergebnisse

Natürlich müssen auch diverse Einschränkungen bei der Bewertung unserer Ergebnisse gemacht werden. So lässt sich die Wahl der Daten kritisieren, aus denen wir die unterschiedlichen Sozialraumtypen gebildet und die Bevölkerung kategorisiert haben. Sie sind zwar in horizontale und vertikale Merkmale gegliedert, jedoch basieren sie auf eigener Selektion und vernachlässigen andere sozialstrukturelle Merkmale beziehungsweise überbewerten die gewählten Variablen. Auch der Vergleich zwischen der Landesliste und den Ergebnissen der Europawahl ist zu hinterfragen, da für die jeweilige Wahl andere Themen und Persönlichkeiten Einfluss auf die Stimmenanteile nehmen.

Zudem spielt Repräsentativität im politischen System der Bundesrepublik eine untergeordnete Rolle. Keine der Parteien und Fraktionen auf Landes- oder Bundesebene schafft es annähernd die realen gesellschaftlichen Gegebenheiten der hier gewählten Merkmale widerzuspiegeln (vgl. Niedermayer 2017). Dass dies auch die AfD nicht schafft, ist also kaum verwunderlich und ist für Wahlsieg oder -niederlage offensichtlich kein ausschlaggebendes Kriterium. 


Autor*innen: Mascha Goerlich und Tim Kormeyer